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    Führung und Team · Vertiefung

    Defensive Entscheidungen: wenn Absicherung wichtiger wird als Wirkung

    Wie du erkennst, wann du die zweitbeste Option wählst, um dich zu schützen, und was dagegen hilft.

    Erstellt · Stand · David Rudolph · rund 11 Minuten Lesezeit

    300.000 Euro Unterschied, und das bessere Konzept gleich dazu. Auf Katrins Vergleichstabelle liegt der mittelgroße Anbieter aus der Region klar vorn: Er kennt die Branche und ist günstiger. Katrin leitet die IT eines Maschinenbauers und soll bis Monatsende einen Dienstleister für die Einführung des neuen ERP-Systems vorschlagen.

    Ihr Vorgänger musste nach einem gescheiterten Softwareprojekt gehen. Der Geschäftsführer sagt im Flur: „Mit einem großen Namen kann dir keiner was.“ Katrin merkt, dass sie den Konzern-Dienstleister vorschlagen möchte. Ist das Vorsicht oder Selbstschutz?

    Was macht eine Entscheidung defensiv?

    Defensiv ist eine Entscheidung, wenn du gegen dein eigenes Urteil wählst, um dich abzusichern. Gigerenzer beschreibt das in einem Interview mit der Harvard Business Review von 2014 so: Eine Führungskraft hält Option A für richtig. Sie empfiehlt Option B, weil sie A im Fall eines Misserfolgs nicht erklären könnte.

    Sein Fazit dort: Defensives Entscheiden schadet dem Unternehmen und schützt die Person, die entscheidet. Als Antrieb nennt er die Angst, verantwortlich gemacht zu werden, wenn etwas schiefgeht. Die Bilanz fasste seine Sicht 2018 zusammen: Entscheidungen, an die Führungskräfte selbst nicht glauben, die sich aber nachträglich gut rechtfertigen lassen.

    Hinter dem Muster steht eine Asymmetrie. Scheitert die rechtfertigbare Option, gilt das als Pech, scheitert die eigenwillige, gilt es als Fehler der Person. Wer so bewertet wird, lernt rasch, auf Begründbarkeit zu optimieren.

    Wie häufig sind defensive Entscheidungen?

    Die zentrale Befragung dazu stammt aus einer großen deutschen Verwaltung. Florian Artinger, Sabrina Artinger und Gerd Gigerenzer befragten 950 Führungskräfte aller Hierarchiestufen anonym. Sie sollten angeben, wie viele ihrer zehn wichtigsten Entscheidungen der letzten zwölf Monate defensiv waren.

    Im Schnitt waren es 2,5 von 10. Rund 80 Prozent nannten mindestens eine defensive Entscheidung, 17 Prozent sogar die Hälfte oder mehr. Defensive Entscheidungen kamen auf allen Hierarchiestufen vor.

    Für Unternehmen fehlt eine vergleichbare veröffentlichte Studie. Die Max-Planck-Gesellschaft meldete 2019 erste Ergebnisse aus DAX-Unternehmen, nach denen defensive Entscheidungen dort noch häufiger vorkommen. Gigerenzer sagte 2014 im Interview, in seinen Studien mit großen Unternehmen betreffe das etwa ein Drittel bis die Hälfte aller wichtigen Entscheidungen.

    Beide Angaben sind ohne veröffentlichte Methode und deshalb nur ein Hinweis. Belastbar ist bisher allein der Befund aus der Verwaltung.

    Woran erkennst du defensive Entscheidungen?

    Defensive Entscheidungen wirken meist gründlich, abgestimmt und professionell. Die folgenden Formen stammen aus den genannten Quellen. Die Spalte zum Erkennen ist eine Ergänzung von T1Leaders.

    FormBelegWoran du sie erkennst
    Gutachten oder Beratung zur RückendeckungGigerenzer 2014: die teurere Variante, ein Beratungshaus liefert ein 200-seitiges Dokument zur Begründung. Artinger 2019: Berater als möglicher SündenbockDie Entscheidung steht schon, das Gutachten soll sie nur noch stützen
    Begründung im NachhineinGigerenzer 2014: Eine Führungskraft lässt zwei Wochen lang Fakten für ein Bauchurteil sammeln und präsentiert es dann als faktenbasiertDie Analyse beginnt nach der Wahl und sucht keine Gegenbelege
    Fremde Prognosen als SchutzHertwig 2014: Banken stützen sich auf Prognosen von Beratungen, obwohl diese meist danebenliegenEine Zahl wird verwendet, weil sie zitierbar ist, und kaum, weil sie stimmt
    Konflikt meidenArtinger 2019: häufigste Kategorie der genannten Beispiele, etwa eine Führungskraft behalten, um einem Konflikt auszuweichenDie bessere Option würde jemanden verärgern, der sich wehren kann
    Druck von oben nachgebenArtinger 2019: zweithäufigste KategorieDu schlägst vor, was die nächste Ebene hören will
    Verantwortung weiterreichenMax-Planck-Gesellschaft 2019: Option, bei der andere die Verantwortung tragen, falls etwas schiefgehtEin Gremium, ein Marktführer oder eine Vorschrift soll im Ernstfall haften. Mehr dazu unter Gremienentscheidungen

    Ein gemeinsames Merkmal: Die Wahl ist für die Person sicherer als für die Organisation. Sobald diese beiden Sicherheiten auseinanderfallen, lohnt die Prüffrage aus der Kurzantwort.

    Warum entscheiden Führungskräfte defensiv?

    Der stärkste Befund betrifft die Kultur im Team. Führungskräfte, die den Umgang mit Fehlern in ihrem Team schlecht bewerteten, entschieden deutlich häufiger defensiv. Ein typischer Prüfsatz der Studie lautete sinngemäß: Wird ein Fehler entdeckt, wird zuerst die verantwortliche Person gesucht.

    Ein zweiter Zusammenhang betrifft das offene Wort. Wo Bedenken ohne Nachteile geäußert werden konnten, waren defensive Entscheidungen seltener. Das Konzept dahinter beschreibt die Seite psychologische Sicherheit.

    Rechtliche Folgen sahen die meisten befragten Führungskräfte dagegen nicht als wichtigen Treiber. Darin unterscheiden sie sich laut den Autoren von Ärzten. Die Angst vor Schuldzuweisung im eigenen Haus wiegt schwerer als die vor dem Gericht.

    Ergänzung von T1Leaders: Der Mechanismus hängt eng mit dem Outcome Bias zusammen. Wer Entscheidungen nach ihrem Ausgang beurteilt, bestraft auch gute Entscheidungen mit Pech. Die Studie benennt diesen Bias nicht, ihre Empfehlung zielt aber genau darauf.

    Wie aus Schuldsuche Absicherung wird

    1. Unsicherheit

      Auch die beste Option kann scheitern

      Ansatzpunkt: Lässt sich nicht abschaffen

    2. Bewertung nach Ergebnis

      Ein Misserfolg gilt als Fehler der Person

      Ansatzpunkt: Vorgehen statt Ausgang bewerten

    3. Suche nach Schuldigen

      Nach Fehlern wird zuerst gefragt, wer es war

      Ansatzpunkt: Ursachen statt Personen suchen

    4. Selbstschutz

      Begründbarkeit zählt mehr als Wirkung

      Ansatzpunkt: Bedenken offen äußern lassen

    5. Zweitbeste Option

      Die rechtfertigbare Wahl gewinnt

      Ansatzpunkt: Prüffrage vor der Freigabe

    Die Kette folgt der Logik von Artinger, Artinger und Gigerenzer (2019). Die Ansatzpunkte sind eine Ergänzung von T1Leaders.
    Daten als Tabelle
    StationWas passiertAnsatzpunkt
    UnsicherheitAuch die beste Option kann scheiternLässt sich nicht abschaffen
    Bewertung nach ErgebnisEin Misserfolg gilt als Fehler der PersonVorgehen statt Ausgang bewerten
    Suche nach SchuldigenNach Fehlern wird zuerst gefragt, wer es warUrsachen statt Personen suchen
    SelbstschutzBegründbarkeit zählt mehr als WirkungBedenken offen äußern lassen
    Zweitbeste OptionDie rechtfertigbare Wahl gewinntPrüffrage vor der Freigabe

    Was kosten defensive Entscheidungen?

    Jede defensive Entscheidung lässt Wert liegen, den die Organisation nie sieht. Gigerenzer nennt drei Felder, in denen der Schaden entsteht: Innovationskraft, Mitarbeiterführung und Kundenzufriedenheit. Eine Bezifferung für Unternehmen gibt es bisher nicht.

    Besser belegt ist das Parallelbeispiel der defensiven Medizin. Ärzte verordnen dabei mehr Tests, Medikamente und Therapien als nötig. Sie schützen sich so vor Patienten als möglichen Klägern.

    Das Muster zeigt zwei Formen, die sich auf Führung übertragen lassen. Absichern bedeutet: mehr Prüfungen, mehr Gutachten, mehr Abstimmungsrunden. Meiden bedeutet: riskante, aber lohnende Aufgaben gar nicht erst übernehmen.

    Ergänzung von T1Leaders: Die zweite Form richtet oft den größeren Schaden an, weil sie unsichtbar bleibt. Ein Projekt, das nie begonnen wurde, taucht in keiner Fehleranalyse auf.

    Praxisbeispiel: Die ERP-Auswahl durchgerechnet

    Ausgangslage. Katrin stellt die Prüffrage und antwortet ehrlich: Ohne die Sorge um ihre Stelle würde sie den regionalen Anbieter wählen. Damit ist klar, dass ihr Impuls defensiv ist. Offen bleibt, ob er sachlich trotzdem trägt.

    Sie schätzt mit ihrem Team die Wahrscheinlichkeit, dass die Einführung scheitert und nachgebessert werden muss. Ein Scheitern kostet in beiden Fällen rund 400.000 Euro zusätzlich.

    GrößeKonzern-DienstleisterRegionaler Anbieter
    Angebotspreis1.200.000 Euro900.000 Euro
    Geschätzte Wahrscheinlichkeit des Scheiterns30 Prozent (passt schlechter zur Branche)20 Prozent
    Erwartete Zusatzkosten (Wahrscheinlichkeit mal 400.000 Euro)120.000 Euro80.000 Euro
    Erwartete Gesamtkosten1.320.000 Euro980.000 Euro
    Persönliches Risiko für Katrin bei Scheiterngering: „Selbst der Marktführer hat es nicht geschafft“hoch: „Warum hast du den kleinen Anbieter genommen?“

    Sachlich spricht alles für den regionalen Anbieter, im Erwartungswert rund 340.000 Euro günstiger. Nur die letzte Zeile spricht für den Konzern. Sie beschreibt Katrins Risiko, das Risiko des Unternehmens ist ein anderes.

    Lösung. Katrin legt der Geschäftsführung beide Optionen mit den Schätzungen vor und nennt auch die letzte Zeile offen. Sie bittet um eine Zusage: Bewertet wird später, ob die Annahmen vom heutigen Tag vertretbar waren.

    Dazu vereinbart sie Abbruchkriterien für die Pilotphase und hält die Schätzungen in einem Entscheidungsjournal fest. Der Geschäftsführer unterschreibt die Freigabe mit. Damit trägt er die Entscheidung sichtbar mit und kann sie später nicht allein Katrin zuschreiben.

    MerksatzDefensives Entscheiden verschwindet nicht durch Mut allein. Es verschwindet, wenn das persönliche Risiko vor der Entscheidung geklärt wird.

    Grenzen

    Wann ist Absicherung kein Fehler?

    • Wenn du keine bessere Option kennst: Eine vorsichtige Wahl ist nur defensiv, wenn du eine bessere erkennst und sie aus Selbstschutz verwirfst.
    • Wenn Regeln zu Recht gelten: Sicherheits-, Rechts- und Compliance-Vorgaben schützen Menschen und Organisation. Sie einzuhalten ist Pflicht und keine Ausrede.
    • Wenn ein Gutachten neue Information liefert: Eine Fachmeinung, die das Ergebnis noch ändern kann, verbessert die Entscheidung. Defensiv wird sie erst, wenn das Ergebnis schon feststeht.
    • Wenn der Schaden nicht umkehrbar wäre: Bei existenziellen Risiken kann die robustere Option die bessere sein, auch mit geringerem Erwartungswert.
    • Grenze der Evidenz: Die Zahlen stammen aus einer Verwaltung und aus Selbstauskünften. Für deutsche Unternehmen gibt es bisher nur Hinweise.

    Typische Fehler

    Welche Fehler machen es schlimmer?

    • Mut predigen und Fehler bestrafen: Wer zu Risiko auffordert und nach dem ersten Misserfolg nach Schuldigen sucht, lehrt das Gegenteil.
    • Nur Ergebnisse bewerten: Boni und Beurteilungen, die allein am Ausgang hängen, belohnen Glück und bestrafen Pech. Mehr dazu unter Entscheidungsqualität.
    • Mehr Dokumentation verlangen: Zusätzliche Nachweispflichten machen Absicherung bequemer und die beste Option teurer.
    • Defensive Entscheidungen nur bei anderen sehen: In der Studie kamen sie auf allen Hierarchiestufen vor, also auch an der Spitze.

    Gegenmittel

    So setzt du Entscheidungsqualität statt Absicherung um

    1. Prüffrage stellen: Frag dich vor jeder wichtigen Freigabe, welche Option du ohne persönliches Risiko wählen würdest.
    2. Persönliches Risiko benennen: Schreib in die Entscheidungsvorlage, welche Option für dich sicherer ist und welche für die Organisation.
    3. Bewertung vorab vereinbaren: Kläre mit deiner nächsten Ebene, dass später das Vorgehen bewertet wird. Artinger und Kollegen empfehlen, Prozessqualität zu belohnen und keine Ergebnisqualität.
    4. Nach Fehlern Ursachen suchen: Frag in der Auswertung zuerst, was passiert ist und was das System begünstigt hat. Die Frage nach der Person kommt zuletzt.
    5. Bedenken einfordern: Lade vor Entscheidungen ausdrücklich Widerspruch ein und reagiere sichtbar dankbar darauf.
    6. Selbst vorangehen: Benenne eigene Fehlentscheidungen offen. Laut den Autoren sollte der Wandel an der Spitze der Hierarchie beginnen.

    Situationsfrage

    Situationsfrage · Das Gutachten für die Schublade

    1. Dein Bereich hat sich nach gründlicher Analyse für einen Standort entschieden. Ein Kollege rät, vor der Vorstandssitzung noch ein externes Gutachten zu beauftragen, „damit alle abgesichert sind“. Was tust du?

      1. ADu beauftragst das Gutachten. Bei einer Investition dieser Größe erwartet der Vorstand eine externe Bestätigung.
      2. BDu fragst, welche offene Frage das Gutachten klären soll und ob sein Ergebnis die Wahl noch ändern könnte. Gibt es keine, verzichtest du darauf.
      3. CDu verschiebst die Entscheidung, bis der Vorstand eine Richtung vorgibt.
      Auflösung anzeigen

      Antwort B. B prüft, ob das Gutachten neue Information liefert. Nur dann verbessert es die Entscheidung. A kauft Rückendeckung für ein feststehendes Ergebnis, die teure Form, die Gigerenzer beschreibt. C reicht die Verantwortung nach oben weiter und verzögert ohne Erkenntnisgewinn.

    Häufige Fragen

    Treffen auch Topmanager defensive Entscheidungen?

    Ja. In der Befragung von Artinger und Kollegen kamen defensive Entscheidungen auf allen Hierarchiestufen vor. Laut Deutschem Ärzteblatt sagte Florian Artinger 2019, selbst in den obersten Führungsebenen träfen manche viele ihrer wichtigsten Entscheidungen vor allem zum Selbstschutz.

    Ist jede vorsichtige Entscheidung defensiv?

    Nein. Defensiv ist eine Entscheidung erst, wenn du eine bessere Option erkennst und sie verwirfst, um dich selbst zu schützen. Wer bei echter Unsicherheit die robustere Option wählt, handelt vorsichtig.

    Was ist der Unterschied zu Entscheidungen aus Angst?

    Angst kann jede Entscheidung färben, auch private. Defensive Entscheidungen sind ein Muster in Organisationen: Die Angst richtet sich auf Schuldzuweisung und Nachteile im Beruf. Mehr unter Entscheidungen aus Angst.

    Quellen

    1. Artinger, F. M., Artinger, S. und Gigerenzer, G. (2019). C. Y. A.: Frequency and causes of defensive decisions in public administration. Business Research, 12, 9 bis 25. Springer, Open Access. DOI 10.1007/s40685-018-0074-2.
    2. Max-Planck-Gesellschaft (2019). Führungskräfte entscheiden defensiv. Pressemitteilung vom 13. August 2019. Englische Fassung: Play it safe.
    3. Max-Planck-Institut für Bildungsforschung (2019). Pressemitteilung beim Informationsdienst Wissenschaft, 1. August 2019.
    4. Deutsches Ärzteblatt (2019). Umfrage: Führungskräfte entscheiden oft defensiv. Ausgabe 39/2019.
    5. Fox, J. (2014). Instinct Can Beat Analytical Thinking. Interview mit Gerd Gigerenzer, Harvard Business Review, 20. Juni 2014. Volltext des Interviews über die Spiegelung des HBR-Feeds auf Goodreads.
    6. Grötker, R. (2014). Interview mit Gerd Gigerenzer und Ralph Hertwig zum Summer Institute 2014. PDF beim Harding-Zentrum für Risikokompetenz.
    7. Studdert, D. M., Mello, M. M., Sage, W. M., DesRoches, C. M., Peugh, J., Zapert, K. und Brennan, T. A. (2005). Defensive medicine among high-risk specialist physicians in a volatile malpractice environment. JAMA, 293(21), 2609 bis 2617. Abstract. DOI 10.1001/jama.293.21.2609.
    8. Vollmer, J. (2018). Das Denken überdenken. Bilanz, 23. Februar 2018.

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