Unsicherheit und Risiko · Vertiefung
Erwartungswert und Wahrscheinlichkeiten bei Entscheidungen
Wie du mit Wahrscheinlichkeiten rechnest, was der Erwartungswert dir sagt und wann du ihm besser nicht allein vertraust.
Kerstin führt eine Tischlerei mit 18 Beschäftigten. Eine Gemeinde schreibt die Innenausstattung einer neuen Grundschule aus. Für das Angebot müsste Kerstins Team zwei Wochen planen und kalkulieren. Das kostet etwa 8.000 Euro an Arbeitszeit. Gewinnt sie den Auftrag, bleiben nach allen Kosten rund 60.000 Euro Deckungsbeitrag. Ihr Meister sagt: „Bei öffentlichen Ausschreibungen gewinnen wir sowieso selten. Lass es.“
Beispiel frei erfunden.
Wie berechnest du den Erwartungswert?
Du listest für jede Option die möglichen Ergebnisse auf. Jedes Ergebnis bekommt eine Wahrscheinlichkeit, die Wahrscheinlichkeiten einer Option ergeben zusammen eins. Dann multiplizierst du jedes Ergebnis mit seiner Wahrscheinlichkeit und addierst die Produkte.
Ein Bild aus dem Alltag: Ein Losstand verkauft Lose für 2 Euro. Unter 100 Losen ist ein Gewinn von 50 Euro. Der Erwartungswert eines Loses liegt bei 50 Euro geteilt durch 100, also 50 Cent. Abzüglich des Preises verlierst du im Durchschnitt 1,50 Euro pro Los. Wer trotzdem kauft, tut es für den Spaß oder den guten Zweck.
Kerstin hat für das Bieten zwei mögliche Ergebnisse. Sie gewinnt den Auftrag und verdient 60.000 Euro minus 8.000 Euro Angebotskosten, also 52.000 Euro. Oder sie verliert und trägt die 8.000 Euro. Nicht bieten bringt sicher null Euro.
Wie schätzt du Wahrscheinlichkeiten?
Eine gute Grundlage sind eigene Zahlen aus ähnlichen Fällen. Wie oft hast du in der Vergangenheit unter vergleichbaren Bedingungen Erfolg gehabt? Fehlen eigene Zahlen, helfen Branchenwerte oder die Einschätzung mehrerer Personen, die unabhängig voneinander schätzen.
Kerstin schaut in ihre Unterlagen. In den letzten fünf Jahren hat sie sich an 20 öffentlichen Ausschreibungen beteiligt und vier gewonnen. Das ist jede fünfte. Ihr Meister hat also recht, dass sie selten gewinnt. Ob sich das Bieten trotzdem lohnt, zeigt erst die Rechnung.
Bleib dabei ehrlich. Bei einem Auftrag, der dir besonders gefällt, neigst du dazu, die Chance höher einzuschätzen. Wie gut Menschen Wahrscheinlichkeiten treffen, erklärt Prognosen richtig nutzen. Ob sich überhaupt eine Wahrscheinlichkeit schätzen lässt, klärt Risiko oder Unsicherheit?.
MerksatzSchätz aus eigenen Zahlen, bevor du dem Gefühl vertraust.
Was zeigt der Rechner im Beispiel?
Der Rechner zeigt den Erwartungswert beider Optionen, den schlechtesten Fall und den Kippwert. Bei Kerstin fällt das Ergebnis klar aus: Bieten lohnt sich im Durchschnitt, obwohl sie meistens verliert.
Rechner: bieten oder nicht bieten
| Größe | Wert im Beispiel |
|---|---|
| Angebotskosten | 8.000 € |
| Deckungsbeitrag bei Zuschlag | 60.000 € |
| Zuschlagschance aus eigener Quote | 1 von 5 |
| Erwartungswert Bieten | 1/5 × 60.000 € − 8.000 € = 4.000 € |
| Erwartungswert Nicht bieten | 0 € |
| Schlechtester Fall Bieten | −8.000 € |
| Kippwert | 8.000 € ÷ 60.000 € = etwa 1 von 7,5 |
Rechne Chance mal Deckungsbeitrag minus Angebotskosten. Für den Kippwert teilst du die Angebotskosten durch den Deckungsbeitrag.
Werte frei gewählt zur Veranschaulichung.
Der Erwartungswert von 4.000 Euro bedeutet nicht, dass Kerstin bei dieser Ausschreibung 4.000 Euro verdient. Sie verdient entweder 52.000 Euro oder verliert 8.000 Euro. Die 4.000 Euro beschreiben den Durchschnitt, wenn sie viele ähnliche Ausschreibungen mitmacht. Das tut sie: Die Tischlerei bietet jedes Jahr mehrfach. Deshalb passt die Rechnung gut.
Aufschlussreich ist der Kippwert. Erst wenn Kerstin seltener als bei jeder siebten bis achten Ausschreibung gewinnen würde, lohnt sich das Bieten im Durchschnitt nicht mehr. Ihre eigene Quote liegt deutlich darüber. Mit mehreren Stufen, etwa einer Nachverhandlung nach dem Zuschlag, wird die Rechnung zum Entscheidungsbaum.
Kerstin entscheidet sich zu bieten. Sie legt aber eine Grenze fest: Steigen die Angebotskosten bei einer Ausschreibung deutlich über 8.000 Euro, rechnet sie neu. Und sie sammelt ihre Quote weiter, damit die Schätzung mit jedem Jahr belastbarer wird. Ihr Meister ist nicht überzeugt, aber er sieht die Zahlen. Häufig zu verlieren und trotzdem im Durchschnitt zu gewinnen, fühlt sich zunächst widersprüchlich an.
MerksatzDer Erwartungswert ist ein Durchschnitt über viele Fälle. Er passt besonders gut, wenn du dieselbe Entscheidung oft triffst.
Grenzen
Wann täuscht die Rechnung?
- Einmalige Entscheidungen: Wer nur einmal bietet, erlebt keinen Durchschnitt. Dann zählt der schlechteste Fall mehr.
- Verluste, die nicht tragbar sind: Ein positiver Erwartungswert hilft wenig, wenn ein einzelner Verlust das Unternehmen in Gefahr bringt.
- Geratene Wahrscheinlichkeiten: Ohne Daten wird aus der Rechnung eine Scheingenauigkeit. Rechne mit einer Spanne und prüf, ob die Entscheidung innerhalb der Spanne gleich bleibt.
- Verluste wiegen schwerer: Menschen empfinden Verluste meist stärker als gleich große Gewinne. Das beschrieben Kahneman und Tversky 1979. Die Rechnung kennt diesen Unterschied nicht.
- Organisationale Grenze: Wunschzahlen. In manchen Unternehmen wird die Wahrscheinlichkeit so lange angepasst, bis die gewünschte Option vorn liegt. Schutz im Prozess: Schätzungen kommen aus eigenen Quoten oder von mehreren Personen unabhängig, und der Kippwert steht immer mit in der Vorlage.
Gegenmittel
So rechnest du mit dem Erwartungswert
- Optionen und Ergebnisse auflisten, alle in derselben Einheit und nach Abzug aller Kosten.
- Wahrscheinlichkeiten schätzen, am besten aus eigenen Zahlen ähnlicher Fälle.
- Erwartungswert jeder Option rechnen: Ergebnis mal Wahrscheinlichkeit, dann addieren.
- Schlechtesten Fall daneben schreiben und fragen, ob du ihn tragen kannst.
- Kippwert bestimmen: Ab welcher Wahrscheinlichkeit dreht sich die Entscheidung? Wie die Modelle dahinter entstanden sind, erklärt die Entscheidungstheorie.
Übung
Mini-Experiment am eigenen Fall
Ein Architekturbüro überlegt, für 3.000 Euro Arbeitszeit an einem Wettbewerb für einen Kita-Neubau teilzunehmen. Gewinnt es, bleiben 25.000 Euro Deckungsbeitrag. Es gewinnt nach eigener Erfahrung etwa jeden zehnten Wettbewerb. Lohnt sich die Teilnahme im Durchschnitt?
- ANein, weil es neun von zehn Wettbewerben verliert.
- BNein, der Erwartungswert ist mit minus 500 Euro knapp negativ. Es sollte nur teilnehmen, wenn es seine Chance erhöhen kann.
- CJa, weil 25.000 Euro viel mehr sind als 3.000 Euro.
Auflösung anzeigen
Antwort B. Rechnung: ein Zehntel von 25.000 Euro sind 2.500 Euro, minus 3.000 Euro Kosten ergibt minus 500 Euro. Der Kippwert liegt bei 3.000 geteilt durch 25.000, also etwa einem von acht Wettbewerben. Antwort A übersieht die Höhe des Gewinns. Antwort C übersieht die Wahrscheinlichkeit.
Häufige Fragen
Was ist der Unterschied zwischen Erwartungswert und Erwartungsnutzen?
Der Erwartungswert rechnet mit Geld oder einer anderen festen Einheit. Der Erwartungsnutzen berücksichtigt, dass derselbe Betrag für verschiedene Menschen oder in verschiedenen Lagen unterschiedlich viel wert sein kann.
Kann ich den Erwartungswert in Excel berechnen?
Ja. Schreib Ergebnisse und Wahrscheinlichkeiten in zwei Spalten und nutz die Funktion SUMMENPRODUKT. Prüf, dass sich die Wahrscheinlichkeiten zu eins addieren.
Was mache ich, wenn ich keine Zahlen aus ähnlichen Fällen habe?
Rechne mit einer Spanne, etwa von vorsichtig bis optimistisch. Bleibt die Entscheidung in der ganzen Spanne gleich, reicht die Schätzung. Ändert sie sich, hilft eine Szenarioanalyse mehr als eine einzelne Zahl.
Quellen
- Kahneman, D. und Tversky, A. (1979). Prospect theory: An analysis of decision under risk. Econometrica, 47(2), 263-292. Econometric Society
- Mousavi, S. und Gigerenzer, G. (2014). Risk, uncertainty, and heuristics. Journal of Business Research, 67(8), 1671-1678. DOI
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