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T1Leaders

Unsicherheit und Risiko · Vertiefung

Risiko oder Unsicherheit? Der Unterschied

Warum es einen großen Unterschied macht, ob du Wahrscheinlichkeiten kennst oder nicht, und welches Werkzeug in welcher Lage hilft.

Stand · David Rudolph · rund 6 Minuten Lesezeit

MerkmalRisikoUnsicherheit
Wahrscheinlichkeitenbekannt oder aus vielen ähnlichen Fällen schätzbarunbekannt, weil ähnliche Fälle fehlen
Typische Lagewiederkehrend, gut dokumentiertneu, einmalig, im Wandel
BeispielHagelschaden im Weinbau, Ausfallquote von MaschinenErfolg eines neuen Produkts in einem neuen Markt
Passende WerkzeugeErwartungswert, Versicherung, StatistikSzenarien, Faustregeln, kleine Experimente, Umkehrbarkeit
Typischer FehlerZahlen ignorieren, obwohl es sie gibtZahlen erfinden, wo es keine gibt

Gegenüberstellung von T1Leaders nach Knight (1921) und Mousavi und Gigerenzer (2014).

Julia führt ein Weingut in der Pfalz in dritter Generation. Zwei Entscheidungen stehen an. Erstens: Soll sie ihre Hagelversicherung erhöhen? Die Prämie ist gestiegen, aber die Region hat lange Aufzeichnungen über Hagelschäden. Zweitens: Soll sie einen alkoholfreien Schaumwein für den Export nach Skandinavien entwickeln? Dafür gibt es keine eigenen Erfahrungswerte. Ihr Steuerberater rät, für beide Fragen eine Wahrscheinlichkeitsrechnung zu machen. Julia hat Zweifel.

Beispiel frei erfunden.

Woher kommt die Unterscheidung?

Die Unterscheidung stammt aus dem Jahr 1921. Der Ökonom Frank Knight schlug in seinem Buch „Risk, Uncertainty and Profit“ vor, messbare Ungewissheit Risiko zu nennen und nicht messbare Ungewissheit Unsicherheit. Den Unterschied machte er daran fest, ob sich eine Lage einer Gruppe ähnlicher Fälle zuordnen lässt.

Für Julia ist das eine klare Hilfe. Bei der Hagelversicherung lohnt sich die Rechnung: Es gibt jahrzehntelange Daten. Beim Schaumwein für Skandinavien würde eine Wahrscheinlichkeit nur eine Scheingenauigkeit erzeugen. Niemand weiß, wie viele Kunden dort zugreifen werden.

Der Rat des Steuerberaters ist trotzdem verständlich. Eine Zahl wirkt ordentlich und lässt sich in eine Tabelle schreiben. Wenn Julia für den Schaumwein eine bestimmte Erfolgschance in die Tabelle schreibt, sieht die Rechnung genauso sauber aus wie bei der Hagelversicherung. Der Unterschied liegt in der Herkunft der Zahl. Bei Hagel stammt sie aus Beobachtungen. Beim Schaumwein stammt sie aus einem Bauchgefühl, das wie eine Messung aussieht.

Auf der Wetterkarte entspricht das dem Unterschied zwischen einer Region mit dichtem Messnetz und einer Region ohne Stationen. Für die erste lässt sich eine Regenwahrscheinlichkeit angeben. Für die zweite kann man nur Umrisse zeichnen und überlegen, welches Wetter dort denkbar wäre. Beide Karten sind nützlich, solange niemand die zweite mit der ersten verwechselt.

MerksatzPrüf zuerst, ob es ähnliche Fälle gibt. Davon hängt ab, ob Rechnen hilft.

Woran erkennst du, ob Risiko oder Unsicherheit vorliegt?

Die erste Prüffrage lautet: Gibt es viele ähnliche Fälle, aus denen sich Häufigkeiten ableiten lassen? Wenn ja, liegt eher Risiko vor. Wenn die Lage neu ist, sich schnell verändert oder einmalig ist, liegt eher Unsicherheit vor. Oft enthält eine Entscheidung beide Teile.

Vier Fälle zum Zuordnen

FallRisiko oder Unsicherheit?Begründung
Eine Spedition plant Rücklagen für Unfallschäden ihrer 80 Lkw.RisikoViele ähnliche Fälle, Unfallquoten sind aus Statistiken und eigenen Daten bekannt.
Ein Verlag überlegt, ein Buch in einem völlig neuen Format auf den Markt zu bringen.UnsicherheitEs gibt keine vergleichbaren Fälle, die Nachfrage lässt sich nicht aus Daten ableiten.
Eine Klinik plant Personal für die Grippesaison.überwiegend RisikoErfahrungswerte aus Vorjahren liegen vor, die Stärke der Saison schwankt aber.
Ein Maschinenbauer entscheidet, ob er in eine Technologie investiert, die es erst als Prototyp gibt.UnsicherheitDie Entwicklung der Technologie und des Marktes ist einmalig und nicht aus Häufigkeiten ableitbar.

Entscheide für jede Zeile selbst, bevor du die Auflösung liest.

Erst zuordnen, dann die Auflösung lesen.

Fälle von T1Leaders, frei erfunden.

Der dritte Fall zeigt, dass die Grenze fließend ist. Die Klinik kennt ihre Vorjahre gut. Wie stark eine bestimmte Grippesaison wird, bleibt trotzdem offen. Dann hilft es, mit den bekannten Häufigkeiten zu planen und zusätzlich einen Puffer für Überraschungen vorzusehen.

MerksatzViele ähnliche Fälle sprechen für Risiko. Neue und einmalige Lagen sprechen für Unsicherheit.

Welche Werkzeuge passen wofür?

Bei Risiko helfen Werkzeuge, die mit Wahrscheinlichkeiten rechnen. Der Erwartungswert zeigt, welche Option im Durchschnitt vieler Fälle besser abschneidet. Versicherungen machen dieses Rechnen zum Geschäftsmodell. Wie der Erwartungswert funktioniert, erklärt die Seite Erwartungswert und Wahrscheinlichkeiten.

Unter Unsicherheit helfen andere Werkzeuge. Szenarien zeigen, wie verschiedene Zukünfte aussehen könnten, ohne ihnen genaue Wahrscheinlichkeiten zu geben. Faustregeln halten oft stand, weil sie sich auf wenige wichtige Hinweise stützen. Und umkehrbare Schritte erlauben, zu lernen, bevor man sich festlegt. Welches Vorgehen in welcher Lage passt, zeigt das Cynefin-Framework.

Julia geht so vor. Für die Hagelversicherung vergleicht sie die Prämie mit den durchschnittlichen Schäden der letzten 20 Jahre. Für den Schaumwein verzichtet sie auf eine Wahrscheinlichkeit. Sie produziert eine kleine Testcharge und bietet sie über einen Importeur in Schweden an. Erst nach einem Jahr entscheidet sie, ob sie in größere Mengen investiert.

Dazu kommt die eigene Wahrnehmung. Menschen schätzen Risiken oft anders ein, als die Zahlen nahelegen, etwa weil seltene, dramatische Ereignisse stärker im Gedächtnis bleiben. Mehr dazu auf der Seite Emotionen und Risikowahrnehmung. Einen Überblick über die Modelle, die hinter solchen Rechnungen stehen, gibt die Seite Entscheidungstheorie.

MerksatzBei Risiko rechnen, bei Unsicherheit in kleinen, umkehrbaren Schritten handeln.

Gegenmittel

So unterscheidest du Risiko und Unsicherheit

  1. Ähnliche Fälle suchen: Gibt es Daten oder Erfahrungen aus vielen vergleichbaren Lagen?
  2. Die Entscheidung zerlegen: Welche Teile sind Risiko, welche Unsicherheit?
  3. Für Risiko rechnen: Erwartungswert, Statistik, Versicherung.
  4. Für Unsicherheit flexibel planen: Szenarien, Faustregeln, kleine und umkehrbare Schritte.
  5. Keine Zahlen erfinden: Wenn du eine Wahrscheinlichkeit schätzt, schreib dazu, wie unsicher die Schätzung ist.

Situationsfrage

  1. Ein Bauunternehmen überlegt, erstmals Gebäude aus einem neuartigen Recyclingbeton anzubieten. Der Vertrieb schlägt vor, die Erfolgschance auf „60 Prozent“ festzulegen und damit einen Erwartungswert zu berechnen. Was ist davon zu halten?

    1. AGut so, eine Zahl ist besser als keine.
    2. BDie Lage ist überwiegend unsicher. Sinnvoller sind ein Pilotprojekt, Szenarien für gute und schlechte Nachfrage und eine klare Grenze, ab der weiter investiert wird.
    3. CDas Vorhaben sofort aufgeben, weil man den Erfolg nicht berechnen kann.
    Auflösung anzeigen

    Antwort B. Für ein neuartiges Produkt fehlen ähnliche Fälle. Die 60 Prozent wären eine erfundene Zahl. Antwort C verwechselt Unsicherheit mit Aussichtslosigkeit. Antwort B nutzt Werkzeuge, die unter Unsicherheit tragen.

Testfragen

Rechnest du an der richtigen Stelle?

Denk an deine letzten wichtigen Entscheidungen. Trifft die Aussage zu? Ja oder nein. Es gibt keinen Gesamtwert. Bei jedem Nein zeigt dir die Übung einen Ansatz.

  1. Ich prüfe, ob es für meine Lage viele ähnliche Fälle gibt.

    Antwort

    Ansatz: vor der nächsten Entscheidung drei vergleichbare Fälle suchen.

  2. Wo Daten vorliegen, nutze ich sie auch.

    Antwort

    Ansatz: Erwartungswert und Wahrscheinlichkeiten

  3. Wo Daten fehlen, verzichte ich auf erfundene Wahrscheinlichkeiten.

    Antwort

    Ansatz: Schätzungen immer mit einer Spanne angeben.

  4. Unter Unsicherheit wähle ich kleine, umkehrbare Schritte.

    Antwort

    Ansatz: Umkehrbar oder endgültig?

  5. Ich plane in Szenarien, wenn die Zukunft offen ist.

    Antwort

    Ansatz: Szenarioanalyse

Reflexionswerkzeug, kein wissenschaftlich validierter Test. Deine Antworten werden nicht gespeichert.

Häufige Fragen

Was bedeutet Entscheidung unter Risiko?

Eine Entscheidung unter Risiko liegt vor, wenn die möglichen Ergebnisse und ihre Wahrscheinlichkeiten bekannt oder gut schätzbar sind. Dann lassen sich Optionen mit Rechnungen wie dem Erwartungswert vergleichen.

Was ist Knightsche Unsicherheit?

So nennt man Unsicherheit im Sinne von Frank Knight: eine Lage, in der sich keine verlässlichen Wahrscheinlichkeiten angeben lassen, weil sie neu oder einmalig ist.

Kann man Unsicherheit in Risiko verwandeln?

Teilweise. Durch Tests, Daten und Erfahrung lassen sich manche unsicheren Lagen besser einschätzen. Bei einmaligen Ereignissen gelingt das nur begrenzt.

Quellen

  1. Knight, F. H. (1921). Risk, Uncertainty and Profit. Boston: Houghton Mifflin. Teil III, Kapitel VIII: Econlib
  2. Mousavi, S. und Gigerenzer, G. (2014). Risk, uncertainty, and heuristics. Journal of Business Research, 67(8), 1671-1678. DOI 10.1016/j.jbusres.2014.02.013. DOI

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