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    Fast-and-Frugal Trees: Entscheiden mit wenigen Ja-Nein-Fragen

    Wie du eine wiederkehrende Entscheidung in wenige Ja-Nein-Fragen zerlegst, von denen jede sofort zum Ergebnis führen kann.

    Erstellt · Stand · David Rudolph · rund 12 Minuten Lesezeit

    „Rechnung oder Vorkasse?“ Diese Frage schickt der Vertrieb fünf bis zehn Mal am Tag an Sabine, die das Debitorenmanagement eines Ersatzteilhändlers für Landmaschinen leitet. Jede Erstbestellung einer neuen Werkstatt landet bei ihr.

    Mal prüft Sabine lange, mal winkt eine Kollegin durch. Letztes Jahr fielen drei Neukunden mit zusammen 41.000 Euro aus. Wie bekommt das Team eine Regel, die schnell geht und trotzdem die Richtigen trifft?

    Wie funktioniert ein Fast-and-Frugal Tree?

    Ein FFT prüft einen Hinweis nach dem anderen und hört auf, sobald ein Hinweis eine Entscheidung erlaubt. Die Forschung beschreibt das mit drei Regeln: Suchregel, Stoppregel und Entscheidungsregel (Martignon und Kollegen, 2008).

    Ein Punktesystem verrechnet alle Hinweise. Im FFT beendet der erste passende Ausgang die Prüfung, darum hängt alles an der Reihenfolge der Fragen und der Richtung ihrer Ausgänge.

    Luan, Schooler und Gigerenzer zeigten 2011 mit Mitteln der Signalentdeckungstheorie: Die Ausgangsstruktur entspricht der Entscheidungsschwelle. Wie gut ein Baum insgesamt trennt, hängt dagegen an der Reihenfolge, der Trennkraft und Anzahl der Hinweise und daran, wie stark sie zusammenhängen.

    MerksatzDie Richtung der Ausgänge ist eine Festlegung darüber, welcher Fehler teurer ist.

    Woher kommen Fast-and-Frugal Trees?

    FFTs stammen aus der Forschung zu einfachen Heuristiken um Gerd Gigerenzer. Den Begriff prägten Laura Martignon und Kollegen 2003. Vorbilder wie die Regel von Green und Mehr (1997) sind älter.

    JahrWas
    1995Das Center for Adaptive Behavior and Cognition (ABC) unter Gigerenzer entsteht in München, ab 1997 in Berlin. Martignon ist Gründungsmitglied
    2003Martignon, Vitouch, Takezawa und Forster führen in „Naive and yet enlightened“ den Begriff Fast-and-Frugal Tree ein
    2008Martignon, Katsikopoulos und Woike beschreiben FFTs als Familie einfacher Heuristiken zur Einordnung
    2020Katsikopoulos, Şimşek, Buckmann und Gigerenzer vergleichen in Classification in the Wild transparente Regeln mit maschinellem Lernen

    Was zeigt das Beispiel aus der Herzinfarkt-Triage?

    Das bekannteste Beispiel stammt aus einem kleinen Krankenhaus mit 100 Betten. Es zeigt, dass drei Fragen so gut trennen können wie ein Rechenmodell mit sieben Befunden.

    Lee Green und David Mehr untersuchten, wie Assistenzärzte Patienten mit Verdacht auf Herzprobleme einwiesen. 1984 und 1985 kamen 90 Prozent auf die Herzüberwachungsstation, der Rest in ein Bett mit EKG-Telemetrie.

    Als Hilfe diente das Heart Disease Predictive Instrument (HDPI). Es errechnet aus sieben Befunden die Wahrscheinlichkeit einer akuten Durchblutungsstörung des Herzens.

    Schon vor dem eigentlichen Versuch sank die Quote auf 56 Prozent. Im Versuch mit Taschenkarten im Wochenwechsel änderte das HDPI nichts mehr. Die Autoren deuten das als Lerneffekt: Die Ärzte achteten jetzt auf die Befunde mit echtem Vorhersagewert.

    Zum Vergleich formulierten Green und Mehr eine einfache Regel nach der Heuristik Take the Best. Auf der ROC-Kurve schnitt sie nach den Autoren so gut ab wie das HDPI und wie die Ärzte. Marewski und Gigerenzer (2012) zeichnen diese Regel als FFT.

    Drei Fragen statt sieben Befunde

    1. Zeigt das EKG Veränderungen der ST-Strecke?

      Ja

      Herzüberwachungsstation

      Nein

      weiter zu Frage 2

    2. Ist Brustschmerz die Hauptbeschwerde?

      Ja

      weiter zu Frage 3

      Nein

      reguläres Stationsbett

    3. Liegt einer von fünf weiteren Befunden vor, etwa ein früherer Herzinfarkt oder Nitroglyzerin-Gebrauch?

      Ja

      Herzüberwachungsstation

      Nein

      reguläres Stationsbett

    Regel nach Green und Mehr (1997), als Baum gezeichnet nach Marewski und Gigerenzer (2012). Historisches Studienbeispiel zur Erklärung des Prinzips, keine medizinische Anleitung.

    Lesart von T1Leaders: Die Ausgänge passen zu den Fehlerkosten. Ein übersehener Infarkt wiegt schwerer als ein Bett zu viel auf der Überwachungsstation, darum führt die stärkste Frage sofort dorthin.

    Wie gut schneiden Fast-and-Frugal Trees im Vergleich ab?

    In Vergleichen an Datensätzen liegen FFTs oft nah an aufwendigen Verfahren. Sie nutzen dabei nur einen Bruchteil der Hinweise.

    Phillips, Neth, Woike und Gaissmaier verglichen 2017 FFTs an zehn Datensätzen mit Verfahren des maschinellen Lernens. Gebaut wurde an einer Hälfte der Fälle, gemessen an der anderen. Das Maß war die ausgewogene Trefferquote aus Sensitivität und Spezifität.

    VerfahrenAusgewogene Trefferquote im Mittel
    Support Vector Machine0,86 (ohne zwei Datensätze mit Abbruch)
    Fast-and-Frugal Tree (Bauverfahren ifan)0,83
    Regularisierte logistische Regression0,83
    Random Forest0,83
    Logistische Regression0,82
    Klassifikationsbaum (CART)0,80
    Naive Bayes0,78

    Die FFTs ließen dabei 87 Prozent der verfügbaren Hinweise unbeachtet. Jede Entscheidung bleibt Schritt für Schritt nachvollziehbar.

    Wie baust du einen Fast-and-Frugal Tree?

    Ein FFT braucht zwei konkrete Handlungen als Ergebnis, eine Reihenfolge der Fragen und eine Richtung für jeden Ausgang. Die Kriterien für Reihenfolge und Ausgänge stammen aus der Forschung. Die Arbeitsschritte sind Ergänzungen von T1Leaders.

    Die Reihenfolge der Fragen

    Stelle die Frage nach oben, deren Antwort allein am sichersten zu einem Ergebnis führt. Phillips und Kollegen beschreiben dafür einfache Verfahren. Das Verfahren max ordnet die Hinweise nach ihrem höchsten Vorhersagewert.

    Ohne Daten bleibt die Erfahrung der Fachleute: Bei welchem Hinweis bist du dir ohne weitere Prüfung sicher? Prüfe diese Einschätzung danach an vergangenen Fällen.

    Die Richtung der Ausgänge

    Phillips und Kollegen zeigen: Steigen alle Fragen zur Alarmseite aus, gewinnt die Sensitivität. Steigen alle zur Entwarnungsseite aus, gewinnt die Spezifität. Wechselnde Ausgänge halten beides im Gleichgewicht.

    Kläre deshalb vor dem Bauen, welcher Fehler teurer ist, und richte die frühen Ausgänge danach aus. Wie du Fehlerkosten und Wahrscheinlichkeiten abwägst, zeigt die Seite zur Risikokompetenz.

    Praxisbeispiel: Rechnung oder Vorkasse bei Erstbestellungen

    Ein Baum mit drei Fragen erfasst drei Viertel der Problemfälle und verlangt nur von etwa jedem sechsten guten Kunden Vorkasse. Eine strengere Variante fängt kaum mehr Problemfälle und kostet deutlich mehr gute Kunden.

    Ausgangslage. Sabine einigt sich mit Vertrieb und Buchhaltung auf drei Fragen und eine Reihenfolge nach Erfahrung. Die Schwelle von 2.000 Euro ist frei gewählt.

    FrageBei JaBei Nein
    1. Enthält die Wirtschaftsauskunft ein Negativmerkmal?Vorkasseweiter zu Frage 2
    2. Liegt der Auftragswert unter 2.000 Euro?Rechnungweiter zu Frage 3
    3. Besteht der Betrieb seit mehr als drei Jahren?RechnungVorkasse

    Prüfung an alten Fällen. Bevor der Baum gilt, legt Sabine ihn an 400 Erstkunden der letzten zwei Jahre an. Bei 32 davon gab es einen Ausfall oder mehr als 90 Tage Zahlungsverzug.

    AusgangKundendavon ProblemfälleEntscheidung
    Frage 1: Ja4018Vorkasse
    Frage 2: Ja2105Rechnung
    Frage 3: Ja1003Rechnung
    Frage 3: Nein506Vorkasse
    Summe40032

    Der Baum setzt 90 Kunden auf Vorkasse und erfasst damit 24 der 32 Problemfälle, also 75 Prozent. Von 368 unproblematischen Kunden müssten 66 vorab zahlen, rund 18 Prozent.

    Fünf der acht übersehenen Fälle liegen unter 2.000 Euro, zusammen höchstens 10.000 Euro. Die Reihenfolge legt die Fehler dorthin, wo sie wenig kosten.

    Der Vorschlag, der strenger klingt und mehr kostet. Der Vertriebsleiter will Frage 2 streichen, damit jeder junge Betrieb vorab zahlt. Diese Variante erfasst 27 statt 24 Problemfälle, setzt aber 123 gute Kunden auf Vorkasse.

    Für höchstens 6.000 Euro weniger Risiko würde das Team also 57 gute Kunden zusätzlich verprellen. Die Runde bleibt beim Baum mit drei Fragen.

    Ergebnis. Der Baum gilt für alle Erstbestellungen, Ausnahmen entscheidet Sabine und notiert sie. Nach sechs Monaten prüft das Team die Trefferquote erneut.

    Was die Methode offenlässt. Die Fragen stammen teilweise aus genau diesen Fällen, an neuen Kunden fällt die Trefferquote vermutlich niedriger aus. Ob Kunden Vorkasse akzeptieren, beantwortet der Baum nicht.

    Wie unterscheidet sich ein Fast-and-Frugal Tree von verwandten Methoden?

    Der FFT ordnet wiederkehrende Fälle ein. Die verwandten Methoden lösen andere Aufgaben.

    MethodeLeitfrageUnterschied zum FFT
    Entscheidungsbaum erstellen: Beispiel und ErwartungswertWelche Option hat den besten Erwartungswert?Rechnet mit Optionen, Ereignissen und Wahrscheinlichkeiten. Passt für einmalige, große Entscheidungen
    Entscheidungsregeln: einmal festlegen, immer wieder nutzenWas tue ich, wenn diese Situation eintritt?Eine Wenn-dann-Vorgabe für einen Auslöser. Der FFT verkettet mehrere Prüfungen in fester Reihenfolge
    HeuristikenWelche Faustregel passt zu dieser Lage?Der Oberbegriff. Der FFT ist eine Heuristik zur Einordnung, verwandt mit Take the Best
    NutzwertanalyseWelche Option erfüllt die Kriterien insgesamt am besten?Gewichtet und verrechnet alle Kriterien. Im FFT gleicht ein guter Wert einen schlechten nicht aus

    Ein FFT hält Erfahrung als prüfbare Regel fest. Wann sie trägt, behandelt die Seite Intuition oder Analyse.

    Typische Fehler

    Welche Fehler machen einen Fast-and-Frugal Tree unbrauchbar?

    • Zu viele Fragen. Mit jeder Frage schwindet der Vorteil der Einfachheit.
    • Reihenfolge nach Gewohnheit. Die Frage, die immer zuerst gestellt wurde, trennt nicht unbedingt am besten. Prüfe die Reihenfolge an vergangenen Fällen.
    • Ausgänge ohne Blick auf die Fehlerkosten. Zufällig gesetzte Richtungen ergeben eine zufällige Mischung aus Fehlalarmen und Übersehenem.
    • Nur an den eigenen Baufällen geprüft. Ein Baum passt immer gut zu den Fällen, aus denen er entstand. Halte Prüffälle zurück.
    • Kein Prüftermin. Ohne erneute Prüfung entscheidet der Baum irgendwann nach einer vergangenen Welt.

    Grenzen

    Wann passt ein Fast-and-Frugal Tree nicht?

    • Ohne Erfahrung und ohne Daten. Dann ist der Baum eine Vermutung in Diagrammform.
    • In einer unstabilen Umwelt. Ein FFT hält fest, welche Hinweise bisher zählten. Ändern sich die Zusammenhänge, trennt er unbemerkt schlechter.
    • Bei vielen schwachen Hinweisen. Ergibt sich das Bild erst aus der Summe vieler kleiner Signale, verlieren FFTs nach Phillips und Kollegen an Genauigkeit.
    • Bei einmaligen, großen Entscheidungen. Eine Übernahme kommt zu selten vor, um einen Baum zu prüfen.
    • Wenn sich niemand mehr zuständig fühlt: der Baum als Schutzschild. „Der Baum hat entschieden“ schiebt Verantwortung ab, siehe defensive Entscheidungen. Schutz im Prozess: Eine benannte Person entscheidet Ausnahmen und dokumentiert sie.

    Gegenmittel

    So setzt du einen Fast-and-Frugal Tree um

    1. Entscheidung auswählen: eine Frage mit zwei klaren Ergebnissen, die mindestens wöchentlich auftaucht.
    2. Hinweise sammeln: Frage die Fachleute, woran sie gute und schlechte Fälle erkennen. Notiere jeden Hinweis als Ja-Nein-Frage.
    3. Fehlerkosten klären: Welcher Fehler ist teurer, Fehlalarm oder Übersehen? Danach richtest du die frühen Ausgänge aus.
    4. Zwei bis vier Fragen auswählen und ordnen: Die Frage, die allein am sichersten trennt, kommt nach oben.
    5. An alten Fällen prüfen: Lege den Baum an abgeschlossene Fälle an, die nicht zum Bauen genutzt wurden. Zähle Treffer, Fehlalarme und Übersehenes.
    6. Einführen mit Ausnahmeregel und Prüftermin: Lege fest, wer abweichen darf, und prüfe nach drei bis sechs Monaten erneut.

    Situationsfrage

    1. Du baust einen FFT für die Frage, ob eine Kundenbeschwerde sofort an die Geschäftsleitung geht. Ein übersehener Ernstfall kostet viel, eine unnötige Eskalation wenig. Wie legst du die Ausgänge an?

      1. AAlle Fragen steigen bei der harmlosen Antwort aus. Eskaliert wird nur, wenn alle Fragen auffällig sind.
      2. BDie frühen Fragen steigen bei der auffälligen Antwort zur Eskalation aus. Erst die letzte Frage kann endgültig entwarnen.
      3. CDie Ausgänge wechseln sich ab, damit Fehlalarme und übersehene Ernstfälle im Gleichgewicht bleiben.
      Auflösung anzeigen

      Antwort B. Antwort A lässt Ernstfälle durchrutschen. Antwort C hält beide Fehler im Gleichgewicht, obwohl hier ein Fehler viel teurer ist als der andere. Die Ausgänge legen die Entscheidungsschwelle fest und gehören auf die Seite des teureren Fehlers. Antwort B richtet die Ausgänge nach dem teureren Fehler aus, wie in der Herz-Triage.

    Häufige Fragen

    Wie viele Fragen sollte ein Fast-and-Frugal Tree haben?

    Meist reichen zwei bis vier. In einem Vergleich an zehn Datensätzen nutzten FFTs im Mittel weniger als zwei Hinweise pro Fall.

    Wo werden Fast-and-Frugal Trees eingesetzt?

    Bekannt ist die Triage von Patienten mit Brustschmerz. Die Forschung beschreibt außerdem Kautionsentscheidungen an britischen Gerichten und Entscheidungen von Soldaten an Kontrollpunkten in Afghanistan. Im Management passen sie zu häufigen Freigaben und Eskalationen.

    Quellen

    1. Green, L. und Mehr, D. R. (1997). What alters physicians' decisions to admit to the coronary care unit? The Journal of Family Practice, 45(3), 219 bis 226. Originalaufsatz mit Studiendesign, Zahlen und Grenzen.
    2. Phillips, N. D., Neth, H., Woike, J. K. und Gaissmaier, W. (2017). FFTrees: A toolbox to create, visualize, and evaluate fast-and-frugal decision trees. Judgment and Decision Making, 12(4), 344 bis 368.
    3. Luan, S., Schooler, L. J. und Gigerenzer, G. (2011). A signal-detection analysis of fast-and-frugal trees. Psychological Review, 118(2), 316 bis 338.
    4. Martignon, L., Katsikopoulos, K. V. und Woike, J. K. (2008). Categorization with limited resources: A family of simple heuristics. Journal of Mathematical Psychology, 52(6), 352 bis 361.
    5. Martignon, L. (2019). Fast and Frugal Trees in the Wild. Posterbeitrag, IASE Satellite Conference, Kuala Lumpur. Einführung des Begriffs 2003.
    6. Bornmann, L. und Marewski, J. N. (2019). Heuristics as conceptual lens for understanding and studying the usage of bibliometrics in research evaluation. Preprint mit dem Baum nach Green und Mehr, gezeichnet nach Marewski und Gigerenzer (2012, S. 78), und den drei Regeln nach Martignon et al. (2008).
    7. Max-Planck-Institut für Bildungsforschung (2021). Classification in the Wild. Meldung zum Buch von Katsikopoulos, Şimşek, Buckmann und Gigerenzer, MIT Press 2020.
    8. Martignon, L., Vitouch, O., Takezawa, M. und Forster, M. (2003). Naive and yet enlightened: From natural frequencies to fast and frugal decision trees. In D. Hardman und L. Macchi (Hrsg.), Thinking. Wiley. Zitiert nach Wikipedia: Fast-and-frugal trees, dort auch die Anwendungsbeispiele.
    9. Biografische Angaben: Wikipedia: Laura Martignon und Wikipedia: Gerd Gigerenzer.

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