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    Druck und Krise · Vertiefung

    National Decision Model: 6 Fragen, mit denen die britische Polizei entscheidet

    Wie das Entscheidungsmodell der Polizei in England und Wales funktioniert, warum die Ethik in der Mitte steht und wie du die sechs Fragen im Betrieb nutzt.

    Stand · David Rudolph · rund 7 Minuten Lesezeit

    Montag, 2:10 Uhr. Jonas leitet den IT-Betrieb eines Versandhändlers für Gartenbedarf mit 280 Mitarbeitern. Sein Telefon vibriert: Die Überwachung meldet ungewöhnlich viele Abfragen auf die Kundendatenbank, von einer Adresse, die niemand kennt. Er kann den Shop vom Netz nehmen. Dann ist der Shop mindestens bis zum Morgen zu. Oder er beobachtet weiter. Dann laufen vielleicht gerade Kundendaten ab. Die Geschäftsführerin schläft, der Sicherheitsdienstleister meldet sich in frühestens 40 Minuten.

    Beispiel frei erfunden.

    Woher kommt das Modell, und warum steht die Ethik in der Mitte?

    Das College of Policing ist die Berufsorganisation der Polizei in England und Wales. Es beschreibt das NDM als Modell, das für alle Entscheidungen taugt und von allen in der Polizei genutzt werden soll. Es gilt für spontane Lagen ebenso wie für geplante Einsätze. Für bewaffnete Einsätze soll es vor, während und nach einem Einsatz genutzt werden, und es lässt sich skalieren: Wie gründlich es angewendet wird, hängt von der verfügbaren Zeit und der eigenen Rolle ab. Wie das in einer Nacht mit wenigen Minuten Zeit aussieht, zeigt das Beispiel unten.

    In der Mitte steht der Ethikkodex. Er bindet laut College of Policing das Modell zusammen. Zwei Fragen stehen dort: Was würde die Öffentlichkeit in dieser Lage von mir erwarten? Und: Könnte ich mein Handeln oder meine Entscheidung der Öffentlichkeit erklären?

    Für Jonas heißt die Mitte: Was würden 210.000 Kunden von ihm erwarten, wenn sie jetzt zusehen könnten? Diese Frage klärt viel, bevor er auch nur eine Zahl angeschaut hat.

    MerksatzErst fragen, ob du es erklären könntest. Dann rechnen.

    Wie gehst du die sechs Fragen durch?

    Das College of Policing nennt zu jedem Element Leitfragen. T1Leaders hat sie übersetzt und für den Betrieb leicht angepasst. Stell dir zu jedem Feld die Frage für deine eigene Entscheidung.

    Sechs Fragen im Kreis

    Ethik: Könnte ich das erklären?
    • Informationen sammeln

      Was passiert gerade? Was weiß ich, was weiß ich nicht? Was brauche ich jetzt?

    • Bedrohung und Risiko bewerten

      Muss ich sofort handeln? Was kann schiefgehen, was gut gehen? Muss mein Team das allein lösen?

    • Befugnisse und Regeln prüfen

      Was darf ich? Welche Regeln gelten? Gibt es Erkenntnisse oder Belege dazu?

    • Optionen und Notfallpläne

      Ist der Weg verhältnismäßig, legitim, notwendig und ethisch? Ergänzt von T1Leaders: Welche Wege gibt es? Was tue ich, wenn es anders kommt?

    • Handeln und überprüfen

      Wer muss von meiner Entscheidung wissen? Was ist passiert? War es, was ich wollte?

    Fünf Schritte außen, die Ethik in der Mitte. Was Jonas in der Nacht antwortet, steht in der aufklappbaren Tabelle.
    Daten als Tabelle
    ElementLeitfrage (nach College of Policing)Was Jonas antwortet
    Ethik (Mitte)Was würden die Betroffenen von mir erwarten? Könnte ich meine Entscheidung erklären?Kunden erwarten, dass ihre Daten geschützt werden, auch wenn der Shop dafür eine Nacht zu ist
    Informationen sammelnWas passiert gerade? Was weiß ich, was weiß ich nicht? Was brauche ich jetzt?Abfragen von einer fremden Adresse. Unklar, ob Daten abfließen. Er braucht die Protokolle der letzten Stunde
    Bedrohung und Risiko bewertenMuss ich sofort handeln? Was kann schiefgehen, was gut gehen? Muss mein Team das allein lösen?Ja, sofort. Schlimmster Fall: Daten weg. Der Dienstleister muss dazu
    Befugnisse und Regeln prüfenWas darf ich? Welche Regeln gelten? Gibt es Erkenntnisse oder Belege dazu?Das Notfallhandbuch erlaubt ihm, den Shop abzuschalten. Meldepflichten klärt die Datenschutzbeauftragte
    Optionen und NotfallpläneIst der Weg verhältnismäßig, legitim, notwendig und ethisch? Ergänzt von T1Leaders: Welche Wege gibt es? Was tue ich, wenn es anders kommt?Shop ganz abschalten, nur die Datenbank trennen oder beobachten. Er wählt: Datenbank trennen, Shop zeigt eine Wartungsseite
    Handeln und überprüfenWer muss von meiner Entscheidung wissen? Was ist passiert? War es, was ich wollte?Dienstleister, Geschäftsführerin per Nachricht, Datenschutzbeauftragte. Um 4 Uhr neu bewerten

    Leitfragen sinngemäß übersetzt nach College of Policing und für den Betrieb angepasst. Für das Feld Optionen nennt die Quelle nur den Prüfstein, die beiden Fragen davor sind eine Ergänzung von T1Leaders. Beispiel frei erfunden.

    Um 2:25 Uhr trennt Jonas die Datenbank vom Netz. Der Shop zeigt eine Wartungsseite, Bestellungen landen in einer Warteschlange. Um 3:05 Uhr bestätigt der Dienstleister: Ein Zugang war kompromittiert, abgeflossen ist nach erster Prüfung wenig. Wie es weitergeht, entscheiden am Morgen die Geschäftsführerin und die Datenschutzbeauftragte.

    Ein Bild aus dem Alltag: Wer nachts Gas riecht, stellt sich dieselben Fragen in Sekunden. Was rieche ich? Ist es gefährlich? Darf ich den Haupthahn zudrehen? Dann handeln, dann den Notdienst rufen.

    MerksatzSechs Fragen, und am Ende kannst du jede Antwort erklären.

    Was passiert nach der Entscheidung?

    Ein Gedanke aus dem NDM schützt dich gegen eine typische Falle. Das College of Policing schreibt sinngemäß: Wenn eine Entscheidung unter den damaligen Umständen vernünftig und verhältnismäßig war, verdient die Person, die entschieden hat, die Unterstützung ihrer Vorgesetzten, auch wenn das Ergebnis nicht wie geplant ausfiel.

    Damit trennt das Modell Entscheidung und Ergebnis. Hätte sich der Alarm um 3 Uhr als Fehlalarm erwiesen, wäre Jonas' Entscheidung trotzdem gut gewesen. Wer nur nach Ergebnis urteilt, bestraft Pech und belohnt Glück. Mehr dazu auf der Seite Outcome Bias.

    Wer entscheidet hier was?

    BeteiligteRolleWann einbinden
    Jonas, Teamleiter IT-Betriebentscheidet in der Nacht im Rahmen des Notfallhandbuchssofort
    Sicherheitsdienstleisterprüft den Angriffsofort, sobald der Verdacht besteht
    Geschäftsführerinentscheidet über alles außerhalb des Notfallhandbuchsper Nachricht in der Nacht, Gespräch am Morgen
    Datenschutzbeauftragteklärt Meldepflichtenso früh wie möglich

    Einordnung von T1Leaders. Meldefristen und Pflichten klärt im Einzelfall die Datenschutzbeauftragte oder die Rechtsabteilung.

    Wie unterscheidet sich das NDM von FOR-DEC und OODA?

    ModellHerkunftStärkeWann nutzen
    National Decision ModelPolizei in England und WalesEthik und Befugnisse stehen fest im Ablaufwenn Folgen andere treffen und du dich später erklären musst
    FOR-DECLuftfahrtgründliche Ordnung einer einzelnen Entscheidungwenn eine große Ja-Nein-Entscheidung ansteht
    OODA-LoopMilitärstrategieRhythmus in Lagen, die sich laufend ändernwenn du immer wieder neu reagieren musst

    Abgrenzung von T1Leaders.

    Was das NDM den anderen voraushat, sind zwei Felder: Ethik und Befugnisse. FOR-DEC fragt nach Risiken, aber nicht ausdrücklich danach, ob du entscheiden darfst. Mehr zu den beiden anderen Modellen auf den Seiten FOR-DEC und OODA-Loop.

    Was ändert sich je nach Führungsebene?

    EbeneWichtigstes FeldTypische FalleWichtigste Frage
    TeamleiterBefugnisse und Regelnhandelt, ohne zu wissen, was er darfSteht das in meinem Rahmen?
    BereichsleiterBedrohung und Risikoschätzt ab, ohne das Team zu fragenMuss ich das allein lösen?
    GeschäftsführerEthikdenkt zuerst an UmsatzKönnte ich das unseren Kunden erklären?

    Einordnung von T1Leaders.

    Typische Fehler

    Wo geht das im Betrieb schief?

    • Ethik als Schlussfrage. Erst wird gerechnet, ganz am Ende fragt jemand, ob man das darf. Folge: Die Entscheidung steht schon fest. Gegenmittel: mit der Mitte beginnen.
    • Befugnis nicht geklärt. Der Teamleiter schaltet den Shop ab, darf es aber laut Handbuch nicht. Folge: Ärger am Morgen, beim nächsten Mal zögert er. Gegenmittel: Befugnisse für die Nacht vorher schriftlich festlegen.
    • Kein Termin zum Überprüfen. Entschieden, gehandelt, vergessen. Folge: Die Datenbank bleibt länger getrennt als nötig. Gegenmittel: beim Handeln sofort festlegen, wann neu bewertet wird.

    Gegenmittel

    So nutzt du das Modell

    1. Mit der Mitte beginnen: Was würden die Betroffenen erwarten? Könntest du es erklären?
    2. Wissen und Nichtwissen trennen: zwei Spalten, eine Minute.
    3. Risiko abschätzen: sofort handeln oder Zeit für mehr Information?
    4. Befugnis prüfen: Was darfst du, wer muss mitentscheiden?
    5. Optionen prüfen: verhältnismäßig, legitim, notwendig, ethisch?
    6. Handeln und Termin setzen: Wer muss es wissen, wann bewertest du neu?

    Situationsfrage

    1. Eine Filialleiterin einer Bäckereikette sperrt nach einem Kühlungsausfall am Morgen alle Sahnetorten und wirft sie weg. Am Mittag stellt sich heraus: Nach der Hausregel der Kette hätte die Qualitätssicherung entscheiden müssen, und die Torten waren noch in Ordnung. Welches Element hat gefehlt?

      1. AEthik, weil sie nicht an die Kunden gedacht hat.
      2. BBefugnisse und Regeln, weil sie nicht geprüft hat, wer entscheiden darf.
      3. CHandeln, weil sie zu schnell war.
      Auflösung anzeigen

      Antwort B. Sie hat an die Kunden gedacht und schnell gehandelt. Gefehlt hat die Frage, wer entscheidet. Antwort A trifft nicht zu, weil sie gerade die Gesundheit der Kunden schützen wollte. Antwort C ist kein Fehler: Schnelles Handeln war vertretbar, nur die Zuständigkeit fehlte.

    Häufige Fragen

    Gilt das NDM nur für Einsätze?

    Nein. Laut College of Policing taugt es für alle Entscheidungen und soll von allen in der Polizei genutzt werden, bei spontanen Lagen ebenso wie bei geplanten Einsätzen.

    Wer gibt das NDM heraus?

    Das College of Policing, die Berufsorganisation der Polizei in England und Wales. Es veröffentlicht das Modell unter dem Titel Authorised Professional Practice (APP).

    Kann man das NDM im Unternehmen nutzen?

    Ja, als Fragenfolge. Die Befugnisse und Regeln sind im Betrieb andere als bei der Polizei. Studien zur Wirkung in Unternehmen liegen T1Leaders nicht vor.

    Quellen

    1. College of Policing (2024). National Decision Model. Authorised Professional Practice, Stand 24.01.2024. College of Policing
    2. College of Policing. Armed deployment. Authorised Professional Practice. College of Policing

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