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Denkfehler · Vertiefung

Ankereffekt

Warum die erste Zahl im Raum deine Schätzung mitbestimmt, selbst wenn sie erkennbar zufällig ist.

Stand · David Rudolph, KI-gestützte Erstellung · rund 7 Minuten Lesezeit

In 43 Sekunden erklärt

Ankereffekt: Die erste Zahl zieht alles an
Was im Video gesagt wird

Die erste Zahl fällt. Alle bleiben in ihrer Nähe.

Ankereffekt: Die erste Zahl zieht alles an. Auch wenn sie willkürlich ist.

So wirkt er: Hoher Anker, hohe Schätzung. Niedriger Anker, niedrige Schätzung.

Gegenmittel 1 / 2: Eigene Zahl vorher festlegen. Bevor du die andere hörst.

Gegenmittel 2 / 2: Das Gegenteil begründen. Warum könnte es ganz anders sein?

Die Regel: Erst deine Zahl. Dann ihre. Gerade in Verhandlungen.

Weiterlesen: Ankereffekt: So verhandelst du mit klarem Kopf.

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Dienstag, zweites Gespräch. Selin bewirbt sich als Controllerin bei einem Maschinenbauer. Sie hat recherchiert und wollte 68.000 Euro nennen. Der Personalleiter kommt ihr zuvor: „Für die Stelle haben wir ungefähr 54.000 Euro eingeplant.“

Selin hört sich sagen: „Ich hatte eher an 60.000 gedacht.“ Auf dem Heimweg ärgert sie sich. Warum ist ihre Zahl im Gespräch so geschrumpft?

Beispiel frei erfunden.

Wie funktioniert der Ankereffekt?

Der Ankereffekt funktioniert, weil du von einer gegebenen Zahl aus schätzt und zu früh aufhörst, dich von ihr wegzubewegen. Dazu kommt ein zweiter Mechanismus: Der Anker lenkt deine Gedanken auf Gründe, die zu ihm passen.

Stell dir eine Wanderung im Nebel vor. Du startest an einer Hütte und läufst so lange, bis du dir sicher bist, dass du weit genug bist. Wer an einer anderen Hütte startet, landet an einem anderen Punkt, obwohl beide dasselbe Ziel suchen.

In Selins Fall: Die 54.000 Euro lenken das Gespräch auf Fragen wie „Was spricht für 54.000?“. Ihre eigenen Gründe für 68.000 kommen kaum noch vor. Fritz Strack und Thomas Mussweiler beschreiben diesen Mechanismus als selektive Zugänglichkeit: Der Anker macht passende Informationen leichter verfügbar.

MerksatzEin Anker wirkt, sobald er zuerst im Raum steht, ob plausibel oder nicht.

Wirkt der Ankereffekt auch bei Fachleuten?

Der Ankereffekt wirkt auch bei Menschen mit Fachwissen und bei erkennbar zufälligen Zahlen. Das zeigen Studien von der Schätzfrage bis zum Strafurteil.

Tversky und Kahneman ließen 1974 vor einer Schätzfrage ein Glücksrad drehen, das auf 10 oder 65 stehen blieb. Die Befragten sollten den Anteil afrikanischer Staaten in den Vereinten Nationen schätzen. Die mittlere Schätzung lag nach der 10 bei 25 Prozent, nach der 65 bei 45 Prozent.

Birte Englich, Thomas Mussweiler und Fritz Strack übertrugen das 2006 auf erfahrene Juristinnen und Juristen. Sie lasen eine Fallakte zu einem Ladendiebstahl. Die Strafforderung, die sie berücksichtigen sollten, ergab sich aus einem Würfelwurf, der für sie erkennbar zufällig war. Wer die höhere Zahl gewürfelt hatte, verhängte im Schnitt eine deutlich längere Bewährungsstrafe.

Wie unterscheidet sich der Ankereffekt von ähnlichen Begriffen?

Der Ankereffekt betrifft Zahlen und Schätzungen. Verwandte Begriffe wirken auf Formulierungen, auf Erinnerung oder auf den ersten Eindruck.

BegriffWas er beschreibtVerhältnis zum Ankereffekt
AnkereffektEine zuvor gesehene Zahl zieht eine Schätzung in ihre Richtung.der Denkfehler, um den es auf dieser Seite geht
Framing-EffektDieselbe Information wirkt anders, je nachdem, wie sie formuliert ist.verändert die Bewertung, der Anker die geschätzte Höhe
Halo-EffektEin auffälliges Merkmal färbt das Urteil über andere Merkmale.ähnlicher Mechanismus, ausgelöst durch einen Eindruck
Overconfidence BiasMenschen sind sich ihrer Schätzungen zu sicher.verstärkt den Anker, weil die eigene Schätzung kaum angezweifelt wird

Wie stark eine bloße Formulierung wirkt, zeigt der Framing-Effekt. Beide Effekte treten in Verhandlungen oft gemeinsam auf.

Wann kann ein Anker sinnvoll sein?

Ein Anker ist sinnvoll, wenn er echte Information enthält. Eine Marktstudie zu Gehältern ist ein guter Ausgangspunkt. Problematisch ist der Anker, der nur zufällig zuerst da ist oder gezielt gesetzt wurde.

Selin hätte einen eigenen, belegten Anker gehabt: ihre Recherche. Für die nächste Verhandlung heißt das: Wer eine begründete Zahl hat, darf sie früh nennen. In Verhandlungsexperimenten erzielte meist die Seite das bessere Ergebnis, die das erste Angebot machte. Der Vorteil verschwand, wenn sich die Gegenseite bewusst auf Informationen konzentrierte, die dem Angebot widersprachen (Galinsky und Mussweiler, 2001).

Organisationale Grenze: das Budget als Anker. In Unternehmen wird das Vorjahresbudget oft zum Anker für das nächste Jahr. Jede Abteilung verhandelt dann um ein paar Prozent hin oder her. Ob die Aufgabe heute mehr oder weniger braucht, prüft niemand. Schutz im Prozess: Wer eine Schätzung oder ein Budget erstellt, schreibt zuerst eine eigene Zahl mit Begründung auf, bevor Vorjahreswerte oder Angebote auf den Tisch kommen.

MerksatzEin Anker mit Begründung ist Information. Ein Anker ohne Begründung ist Lärm, der trotzdem wirkt.

Gegenmittel

So schwächst du den Anker: vier Schritte

  1. Lege deine Zahl fest, bevor du andere hörst. Schreibe sie mit Begründung auf. Dann hast du einen eigenen Ausgangspunkt.
  2. Sammle Gründe gegen den Anker. Frage dich: Warum könnte der Wert viel höher oder viel niedriger liegen? Diese Technik heißt „das Gegenteil bedenken“ (Mussweiler, Strack und Pfeiffer, 2000).
  3. Hole unabhängige Schätzungen ein. Lass mehrere Personen getrennt schätzen, bevor ihr die Zahlen vergleicht.
  4. Benenne den Anker im Gespräch. Sage laut, dass eine Zahl im Raum steht und woher sie kommt. Das macht sie zum Gegenstand der Prüfung.

Übung

den Anker im Gespräch entschärfen

  1. Du verkaufst dein gebrauchtes Firmenfahrzeug. Ein Händler nennt sofort 9.000 Euro. Du hattest nach Recherche in drei Verkaufsportalen mit 13.000 Euro gerechnet. Was sagst du?

    1. A„Können wir uns bei 11.000 in der Mitte treffen?“
    2. B„Vergleichbare Fahrzeuge werden derzeit zwischen 12.500 und 13.500 Euro angeboten. Ich liege bei 13.000. Was spricht aus Ihrer Sicht für einen niedrigeren Wert?“
    3. C„9.000 ist zu wenig, ich muss darüber nachdenken.“
    Auflösung anzeigen

    Antwort B. Antwort A akzeptiert den Anker als Ausgangspunkt und teilt den Abstand. Antwort C lehnt ab, setzt aber keinen eigenen Wert. Antwort B ersetzt den Anker durch eine begründete Zahl und fordert Gründe ein.

Häufige Fragen

Was ist ein Beispiel für den Ankereffekt?

Eine Speisekarte nennt oben einen sehr teuren Wein. Daneben wirken mittelpreisige Flaschen günstig. Der teure Wein dient als Anker, auch wenn ihn kaum jemand bestellt.

Wie wird der Ankereffekt im Marketing genutzt?

Durchgestrichene Preise, Preislisten mit einem sehr teuren Premiumpaket oder eine hohe „unverbindliche Preisempfehlung“ setzen einen Vergleichswert. Der tatsächliche Preis wird an diesem Wert gemessen.

Wie nutze ich den Ankereffekt in der Gehaltsverhandlung?

Recherchiere eine begründete Spanne und nenne deine Zahl, bevor die andere Seite eine niedrigere setzt. Hat die andere Seite schon eine Zahl genannt, lenke das Gespräch auf deine Belege. Ein Treffen in der Mitte übernimmt den Anker der anderen Seite.

Quellen

  1. Tversky, A. und Kahneman, D. (1974). Judgment under Uncertainty: Heuristics and Biases. Science, 185(4157), 1124-1131. PubMed
  2. Englich, B., Mussweiler, T. und Strack, F. (2006). Playing dice with criminal sentences. Personality and Social Psychology Bulletin, 32(2), 188-200. Abstract · Bericht: Spektrum der Wissenschaft
  3. Mussweiler, T., Englich, B. und Strack, F. Anchoring effect. Kapitel 10 in Pohl, R. F. (Hrsg.), Cognitive Illusions. Hove: Psychology Press. Überblickskapitel mit Glücksrad-Werten 10 und 65. PDF
  4. Klein, R. A. et al. (2014). Investigating variation in replicability: A „Many Labs“ replication project. Social Psychology, 45(3), 142-152. Tilburg University
  5. Galinsky, A. D. und Mussweiler, T. (2001). First offers as anchors: The role of perspective-taking and negotiator focus. Journal of Personality and Social Psychology, 81(4), 657-669. Kellogg School of Management
  6. Mussweiler, T., Strack, F. und Pfeiffer, T. (2000). Overcoming the inevitable anchoring effect: Considering the opposite compensates for selective accessibility. Personality and Social Psychology Bulletin, 26(9), 1142-1150. DOI

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