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Denkfehler · Vertiefung

Overconfidence Bias

Warum du deine Zeit, dein Können und deine Gewissheit oft zu hoch ansetzt, und wie deine eigenen Daten dich korrigieren.

Stand · David Rudolph, KI-gestützte Erstellung · rund 8 Minuten Lesezeit

In 43 Sekunden erklärt

Rückwärts erzählt: Überpräzision
Was im Video gesagt wird

„Ganz sicher in 12 Wochen.“ Es wurden 22.

1,9 Mio. € Vertragsstrafe. Fiktives Beispiel. Wir spulen zurück.

Modul kommt 10 Wochen zu spät. Einen Puffer gibt es nicht.

Harte Frist unterschrieben. Strafe ab Woche 36.

„Ganz sicher 8 bis 12 Wochen.“ Auch 20 Wochen gab es schon.

Teil die Spanne in Abschnitte. In Experimenten lagen Spannen so öfter richtig.

Weiterlesen: Überpräzision: Ehrlich schätzen mit Spannen.

T1Leaders. Rückwärts erzählt.

Quellen: research/research_rueckwaerts.md, Folge Überpräzision. Fall erfunden.

Donnerstag, Kundentermin. Jana leitet Projekte in einer Webagentur. Der Kunde will seine Website neu aufsetzen und fragt, wie lange das dauert. Jana überlegt kurz: Texte, Design, Technik, Test. „Sechs Wochen“, sagt sie, „das schaffen wir sicher.“

Ihre letzten drei Relaunches haben neun, elf und acht Wochen gedauert. Daran denkt sie in diesem Moment nicht. Warum fühlt sich „sechs Wochen“ trotzdem so sicher an?

Beispiel frei erfunden.

Welche drei Formen der Selbstüberschätzung gibt es?

Moore und Healy unterscheiden drei Formen, die getrennt auftreten können. Wer sie auseinanderhält, weiß genauer, wo er nachsteuern muss.

  • Überschätzung (overestimation): Du hältst deine Leistung, deine Kontrolle oder deine Erfolgschance für höher, als sie ist. Jana glaubt, ihr Team schaffe den Relaunch in sechs Wochen.
  • Überplatzierung (overplacement): Du hältst dich für besser als andere. Viele Menschen sehen sich beim Autofahren über dem Durchschnitt.
  • Überpräzision (overprecision): Du bist dir deiner Schätzung zu sicher. Deine Spanne „zwischen fünf und sieben Wochen“ ist viel zu eng.

Ein Bild aus dem Alltag: Du packst den Koffer für eine Woche und bist sicher, dass alles passt. Überschätzung ist die Annahme, er gehe zu. Überpräzision ist die Gewissheit, dass er genau zugeht, ohne Puffer für den Regenschirm.

Moore und Healy fanden eine wichtige Wendung: Bei schweren Aufgaben überschätzen Menschen ihre Leistung, halten sich aber eher für schlechter als andere. Bei leichten Aufgaben ist es umgekehrt. Am beständigsten ist die Überpräzision.

MerksatzFrage bei jeder Schätzung, in welcher der drei Formen du dich überschätzen könntest.

Was zeigen Studien zu Autofahrern und Projektzeiten?

Zwei bekannte Studien zeigen Überplatzierung und Überschätzung im Alltag. Beide sind gut belegt, haben aber klare Grenzen.

Ola Svenson befragte 1981 Studierende in den USA und in Schweden zu ihrem Fahrkönnen. In der US-Gruppe sahen sich 93 Prozent als bessere Fahrer als der Median, in der schwedischen Gruppe 69 Prozent (Svenson, 1981). Rein rechnerisch kann nur die Hälfte über dem Median liegen. Eine vorregistrierte Wiederholung mit 1.203 Teilnehmenden bestätigte 2023 das Grundmuster (Koppel et al., 2023).

Roger Buehler, Dale Griffin und Michael Ross ließen 1994 Studierende schätzen, wann sie ihre Abschlussarbeit fertigstellen. Im Mittel sagten sie 33,9 Tage voraus. Tatsächlich brauchten sie 55,5 Tage. Selbst ihre Schätzung für den schlechtesten Fall lag mit 48,6 Tagen darunter. Diese Unterschätzung heißt Planungsfehlschluss.

Wie unterscheidet sich der Overconfidence Bias von ähnlichen Begriffen?

Der Overconfidence Bias beschreibt die eigene Sicherheit. Verwandte Begriffe beschreiben, woher diese Sicherheit kommt oder wie sie sich im Rückblick zeigt.

BegriffWas er beschreibtVerhältnis zum Overconfidence Bias
Overconfidence BiasLeistung, Rang oder Genauigkeit des eigenen Wissens werden zu hoch eingeschätzt.der Denkfehler, um den es auf dieser Seite geht
PlanungsfehlschlussDie Dauer eigener Vorhaben wird unterschätzt.eine Form der Überschätzung bei Zeit und Budget
RückschaufehlerNach einem Ereignis glaubt man, es vorher gewusst zu haben.nährt die Übersicherheit, weil frühere Irrtümer im Rückblick kleiner wirken
Dunning-Kruger-EffektWer wenig kann, soll sich besonders stark überschätzen.Teilbefund zur Überplatzierung, dessen Deutung in der Forschung umstritten ist

Der Rückschaufehler erklärt, warum du aus vergangenen Fehleinschätzungen so wenig lernst: Im Rückblick wirkt alles vorhersehbar.

Hat Selbstvertrauen auch Vorteile?

Selbstvertrauen hilft, Dinge anzufangen und dranzubleiben. Problematisch wird es, wenn es in Prognosen, Budgets und Zusagen einfließt, auf die sich andere verlassen.

Jana braucht Zuversicht, um ihr Team zu motivieren. Für die Zusage an den Kunden braucht sie aber ihre Daten. Beides lässt sich trennen: Das Team bekommt ein ehrgeiziges Ziel. Der Kunde bekommt einen Termin mit Puffer, der sich aus früheren Projekten ableitet.

Organisationale Grenze: Übersicherheit als Karrierevorteil. In manchen Unternehmen wird belohnt, wer sicher auftritt und kurze Zeiten verspricht. Wer realistische Spannen nennt, wirkt zögerlich. Schutz im Prozess: Schätzungen werden nach Projektende mit dem Ergebnis verglichen, und die Trefferquote wird sichtbar. Termine leiten sich zuerst aus vergleichbaren Projekten ab und erst danach aus dem eigenen Plan.

Meine Schätzbilanz

VorhabenGeschätztTatsächlichFaktor
Relaunch A6 Wochen9 Wochen1,5
Relaunch B6 Wochen11 Wochen1,8
Relaunch C5 Wochen8 Wochen1,6
Mittlerer Faktor1,6
Deine eigene Bilanz ist eine gute Korrektur für deine nächste Schätzung.

Beispielwerte frei erfunden. Mittlerer Faktor als Durchschnitt der drei Faktoren, gerundet auf eine Nachkommastelle.

Korrekturregel: Neue Schätzung mal mittlerer Faktor ergibt einen Prüfwert. Sechs Wochen mal 1,6 sind rund 9,6 Wochen. Liegt deine Zusage weit unter dem Prüfwert, brauchst du einen Grund, warum dieses Projekt anders läuft. Die Regel ist eine Praxishilfe von T1Leaders ohne wissenschaftliche Prüfung. Bei weniger als drei Vergleichsprojekten ist der Faktor wenig belastbar.

Gegenmittel

So schätzt du realistischer: vier Schritte

  1. Schaue zuerst auf vergleichbare Fälle. Wie lange haben ähnliche Vorhaben gedauert, bei dir oder bei anderen? Diese Außensicht kommt vor dem Blick auf den eigenen Plan.
  2. Gib eine Spanne an. Prüfe sie: Wärst du überrascht, wenn das Ergebnis außerhalb liegt?
  3. Führe deine Schätzbilanz. Notiere Schätzung und Ergebnis, etwa in einem Entscheidungsjournal.
  4. Frage vorab, was schiefgehen kann. Die Methode Pre-Mortem unterstellt, das Projekt sei gescheitert, und sucht die Gründe.

Übung

die eigene Schätzung korrigieren

  1. Dein Team soll eine interne Software-Schulung für 200 Beschäftigte organisieren. Deine erste Schätzung: vier Wochen. Die letzten beiden ähnlichen Schulungen dauerten sieben und acht Wochen. Was tust du?

    1. ADu bleibst bei vier Wochen, weil das Team inzwischen erfahrener ist.
    2. BDu nennst sieben Wochen und begründest es mit den letzten beiden Schulungen. Intern planst du mit fünf Wochen und prüfst nach zwei Wochen den Stand.
    3. CDu nennst zwölf Wochen, damit auf keinen Fall etwas schiefgeht.
    Auflösung anzeigen

    Antwort B. Antwort A stützt sich auf ein Gefühl ohne Beleg. Antwort C ersetzt Übersicherheit durch übertriebene Vorsicht ohne Grund. Antwort B verbindet die Außensicht mit einem ehrgeizigen internen Ziel und einem Prüfpunkt.

Häufige Fragen

Was heißt Overconfidence Bias auf Deutsch?

Overconfidence Bias heißt Selbstüberschätzung, Übersicherheit oder Überkonfidenz. Gemeint ist eine zu hohe Sicherheit in das eigene Können oder Wissen.

Was ist der Unterschied zwischen Overconfidence Bias und Dunning-Kruger-Effekt?

Overconfidence ist der Oberbegriff für drei Formen der Selbstüberschätzung. Der Dunning-Kruger-Effekt beschreibt einen Teilbefund: Menschen mit geringer Leistung in einer Aufgabe sollen ihren Rang besonders stark überschätzen. Wie groß dieser Effekt ist und wie er entsteht, wird in der Forschung diskutiert.

Gibt es einen Test für den Overconfidence Bias?

Ein einfacher Test: Gib für zehn Schätzfragen jeweils eine Spanne an, in der du dir zu 90 Prozent sicher bist. Liegen deutlich weniger als neun Antworten in deinen Spannen, sind sie zu eng. Diese Übung ist eine Reflexionshilfe ohne wissenschaftliche Validierung.

Quellen

  1. Moore, D. A. und Healy, P. J. (2008). The trouble with overconfidence. Psychological Review, 115(2), 502-517. Autorenfassung
  2. Svenson, O. (1981). Are we all less risky and more skillful than our fellow drivers? Acta Psychologica, 47, 143-148. PDF
  3. Koppel, L. et al. (2023). We are all less risky and more skillful than our fellow drivers: Successful replication and extension of Svenson (1981). Meta-Psychology, 7. Meta-Psychology
  4. Buehler, R., Griffin, D. und Ross, M. (1994). Exploring the „planning fallacy“: Why people underestimate their task completion times. Journal of Personality and Social Psychology, 67(3), 366-381. DOI
  5. Gignac, G. E. und Zajenkowski, M. (2020). The Dunning-Kruger effect is (mostly) a statistical artefact: Valid approaches to testing the hypothesis with individual differences data. Intelligence, 80, 101449. Gegenposition: Hiller, A. (2023). Kommentar dazu in Intelligence, 97, 101732. DOI
  6. Kahneman, D. und Lovallo, D. (1993). Timid choices and bold forecasts: A cognitive perspective on risk taking. Management Science, 39(1), 17-31. Ursprung von Innen- und Außensicht. DOI
  7. Alpert, M. und Raiffa, H. (1982). A progress report on the training of probability assessors. In D. Kahneman, P. Slovic und A. Tversky (Hrsg.), Judgment under Uncertainty: Heuristics and Biases. Cambridge University Press. Klassische Übung mit Schätzspannen.

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