Entscheidungen treffen · Vertiefung
Entscheidungen aufschieben: wann Warten klug ist
Wie du unterscheidest, ob Abwarten dir neue Information bringt oder nur Zeit kostet, und wie du eine Frist setzt, die hält.
Ein Holzhandel mit 25 Beschäftigten braucht dringend mehr Lagerfläche. Die neue Halle würde 1,2 Millionen Euro kosten. Ein Förderprogramm des Landes könnte 30 Prozent davon übernehmen, der Bescheid kommt in etwa vier Monaten. Bis dahin lagert ein Teil des Holzes im Freien und verliert an Wert. Die Inhaberin Petra fragt sich: Warten oder bauen?
Beispiel frei erfunden.
Warum schieben Menschen Entscheidungen auf?
Menschen schieben Entscheidungen auf, weil es im Moment leichter ist als die Festlegung. Wer nicht entscheidet, muss keinen Fehler fürchten und keine Reue erwarten. Christopher Anderson beschrieb 2003 mehrere Formen, Entscheidungen zu meiden. Dazu zählen das Aufschieben und das Festhalten am bisherigen Zustand. Als Antriebe nannte er unter anderem erwartete Reue und die Schwierigkeit der Wahl.
Ein Bild aus dem Alltag: Den Zahnarzttermin vereinbaren viele erst, wenn der Zahn schmerzt. Das Aufschieben war bequem und brachte keine neue Information.
Wie die Vorliebe für den bisherigen Zustand wirkt, erklärt Status-quo-Bias.
In Teams kommt ein weiterer Grund hinzu. Wer eine Entscheidung vertagt, vermeidet auch den Konflikt mit denen, die anders entschieden hätten. Die Runde geht friedlich auseinander, und beim nächsten Termin steht dieselbe Frage auf der Tagesordnung. Für die Beteiligten ist das oft anstrengender als ein klares Nein. Wie Führungskräfte solche Schleifen beenden, zeigt Entscheidungsstau.
Hilfreich ist ein ehrlicher Blick auf die eigenen Gründe. Frage dich: Würde ich auch warten, wenn die Entscheidung angenehm wäre? Wenn nicht, bremst dich eher die Unlust vor der Festlegung.
MerksatzWer aufschiebt, entscheidet sich für den jetzigen Zustand.
Wann ist Warten klug, und wann wird es teuer?
Warten ist klug, wenn drei Bedingungen zusammenkommen: Eine bestimmte Information ist zu erwarten, sie kann deine Wahl ändern, und das Warten kostet weniger, als die Information wert ist. Fehlt eine dieser Bedingungen, wird Warten teuer.
Was bringt mir die Zeit?
| Prüffrage | Bei Ja | Bei Nein |
|---|---|---|
| 1. Kommt bis zu einem bestimmten Datum eine bestimmte Information? | weiter mit Frage 2 | Warten bringt nichts Neues, jetzt entscheiden |
| 2. Kann diese Information meine Wahl ändern? | weiter mit Frage 3 | Die Information ändert deine Wahl nicht, jetzt entscheiden |
| 3. Kostet das Warten weniger, als die Information wert ist? | warten, mit Frist am Datum der Information | einen umkehrbaren ersten Schritt gehen oder jetzt entscheiden |
Beantworte die drei Fragen. Nur wenn alle drei mit Ja beantwortet sind, lohnt sich Warten.
Arbeitsregel von T1Leaders.
Petra geht die Fragen durch. Frage 1: Ja, der Bescheid kommt in vier Monaten. Frage 2: Ja, mit 30 Prozent Förderung lohnt sich die große Halle, ohne Förderung nur eine kleinere. Frage 3: Sie rechnet. Der Wertverlust des Holzes im Freien liegt bei etwa 5.000 Euro pro Monat, also 20.000 Euro bis zum Bescheid. Die mögliche Förderung beträgt 360.000 Euro. Warten lohnt sich, mit Frist.
Teuer wird Warten in drei typischen Fällen. Erstens, wenn keine bestimmte Information kommt und du nur auf ein besseres Gefühl hoffst. Zweitens, wenn Optionen verschwinden, etwa ein Grundstück oder ein Bewerber. Drittens, wenn andere auf dich warten und ihre Arbeit stockt. Wie du mit Lücken umgehst, die sich nicht schließen lassen, steht unter Fehlende Informationen.
MerksatzWarte nur auf eine bestimmte Information, die deine Wahl ändern kann.
Wie verbindest du Warten und Handeln?
Oft musst du nicht zwischen Warten und Handeln wählen. Du kannst einen umkehrbaren ersten Schritt gehen und die endgültige Festlegung auf den Zeitpunkt der Information legen. Jeff Bezos unterschied in seinem Aktionärsbrief für 2015 Entscheidungen, die sich zurücknehmen lassen, von solchen, die es nicht tun. Für die ersten empfahl er Tempo, für die zweiten Sorgfalt.
Petra nutzt diesen Weg. Sie wartet mit dem Bauauftrag, holt aber schon jetzt die Baugenehmigung ein und mietet für vier Monate ein Zelt für das empfindlichste Holz. Das Zelt kostet 6.000 Euro und spart einen Teil des Wertverlusts. Kommt der Bescheid, kann der Bau sofort beginnen.
Wer noch nicht weiß, ob er im Sommer verreisen kann, bucht eine Unterkunft mit kostenloser Stornierung. Er hält sich die Option offen, ohne sich festzulegen. Ähnlich lassen sich im Beruf viele Genehmigungen, Angebote und Gespräche vorbereiten, ohne dass du dich schon bindest.
Wie du umkehrbare und endgültige Schritte unterscheidest, zeigt die Seite Umkehrbar oder endgültig?.
MerksatzWarte mit dem Endgültigen, handle beim Umkehrbaren.
Gegenmittel
Wie setzt du eine Frist, die hält?
- Den Grund für das Warten aufschreiben: Auf welche Information wartest du genau?
- Das Datum festlegen, an dem diese Information kommt, und einen Tag danach als Frist.
- Vorher festlegen, was du bei welcher Antwort tust: Kommt die Förderung, baue ich groß. Kommt sie nicht, baue ich klein.
- Die Frist jemandem nennen, der nachfragt.
- Bei Ausbleiben der Information trotzdem entscheiden: Eine Frist hält nur, wenn du sie nicht verschiebst, sobald sie da ist. Wenn du merkst, dass du immer wieder verschiebst, lies weiter unter Ich kann mich nicht entscheiden.
Situationsfrage
Ein Bereichsleiter will eine offene Stelle neu besetzen. Er hat eine gute Bewerberin, wartet aber, ob in den nächsten Wochen noch bessere Bewerbungen kommen. Eine konkrete weitere Bewerbung ist nicht angekündigt. Die Bewerberin hat ein zweites Angebot. Was sagt die Regel?
- AWarten, weil vielleicht noch jemand Besseres kommt.
- BJetzt entscheiden. Es ist keine bestimmte Information zu erwarten, und die Option kann verschwinden.
- CDie Stelle vorerst gar nicht besetzen.
Auflösung anzeigen
Antwort B. Schon bei Frage 1 lautet die Antwort Nein: Es kommt keine bestimmte Information. Dazu kann die Option verschwinden. Antwort A wartet auf ein Gefühl. Antwort C verschiebt das Problem.
Häufige Fragen
Ist es schlecht, Entscheidungen aufzuschieben?
Nicht grundsätzlich. Aufschieben mit Grund und Frist kann klug sein, wenn eine wichtige Information erwartet wird. Aufschieben ohne Grund und ohne Frist führt oft dazu, dass die Umstände entscheiden.
Was ist der Unterschied zwischen Aufschieben und Prokrastination?
Prokrastination meint meist, eine Aufgabe trotz besseren Wissens zu verschieben. Beim bewussten Aufschieben einer Entscheidung gibt es dagegen einen benennbaren Grund und eine Frist. Die drei Prüffragen auf dieser Seite helfen, beides zu unterscheiden.
Was tun, wenn mein Chef Entscheidungen aufschiebt?
Frage nach dem Grund und dem Datum: „Worauf warten wir, und bis wann?“ Biete an, die fehlende Information zu beschaffen. Mehr dazu auf der Seite Wenn der Chef nicht entscheidet.
Wie lange darf ich eine Entscheidung aufschieben?
Bis die erwartete Information da ist, und nicht länger. Ohne erwartete Information gibt es keinen guten Grund zu warten.
Quellen
- Anderson, C. J. (2003). The psychology of doing nothing: Forms of decision avoidance result from reason and emotion. Psychological Bulletin, 129(1), 139-167.
- Evangelidis, I., Levav, J. und Simonson, I. (2023). A reexamination of the impact of decision conflict on choice deferral. Management Science, 69(5), 2691-2712.
- Bezos, J. (2016). 2015 Letter to Shareholders, Amazon.com. SEC
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