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Denkfehler · Vertiefung

Status-quo-Bias

Warum der bestehende Zustand oft gewinnt, auch wenn ihn heute vielleicht niemand neu wählen würde.

Stand · David Rudolph · rund 6 Minuten Lesezeit

Montag, Teambesprechung in einer Steuerkanzlei mit zwölf Mitarbeitenden. Die Kanzleisoftware läuft seit 14 Jahren. Sie stürzt ab und zu ab, und der Datenaustausch mit Mandanten ist umständlich.

Die junge Partnerin schlägt einen Wechsel vor. Der Seniorpartner sagt: „Das läuft doch. Ein Umstieg kostet nur Nerven.“ Alle nicken erleichtert. Ist das eine nüchterne Abwägung, oder gewinnt das Bisherige nur, weil es da ist?

Beispiel frei erfunden.

Warum gewinnt der bestehende Zustand so oft?

Der bestehende Zustand gewinnt, weil mehrere Kräfte in dieselbe Richtung ziehen. Jede für sich ist verständlich. Zusammen geben sie dem Bisherigen einen Vorsprung, den es sich nicht verdient hat.

  • Verluste wiegen schwerer: Was du durch eine Änderung aufgibst, fühlt sich gewichtiger an als das, was du gewinnst. Das ist die Verlustaversion.
  • Unterlassen fühlt sich harmloser an: Geht eine Änderung schief, bist du schuld. Geht das Bisherige schief, waren es die Umstände.
  • Wechselkosten sind sichtbar, Nutzen ist ungewiss: Den Aufwand der Umstellung kennst du genau, die Vorteile nur als Versprechen.
  • Bequemlichkeit: Beibehalten verlangt keine neue Entscheidung.

Ein Bild aus dem Alltag: Du zahlst seit Jahren denselben Stromtarif. Einen neuen Tarif zu suchen dauert eine halbe Stunde. Also bleibst du, auch wenn du damit jedes Jahr mehr zahlst.

Manche dieser Gründe sind berechtigt. Echte Wechselkosten gehören in die Rechnung. Der Bias beginnt dort, wo das Bisherige einen Bonus bekommt, den es nicht begründen kann.

Was zeigen Studien zu Voreinstellungen?

Studien zu Voreinstellungen zeigen, wie stark der Status quo wirkt: Wird eine Option zur Grundeinstellung, bleiben viele Menschen dabei, auch wenn sie mit einem Klick wechseln könnten.

Brigitte Madrian und Dennis Shea untersuchten 2001 ein US-Unternehmen, das neue Beschäftigte automatisch in die betriebliche Altersvorsorge aufnahm. Wer austreten wollte, musste das aktiv tun. Die Teilnahme stieg bei neuen Beschäftigten von 37 Prozent vor der Umstellung auf 86 Prozent danach (Madrian und Shea, 2001).

Samuelson und Zeckhauser hatten das Muster schon 1988 beschrieben. In ihren Experimenten wählten Befragte eine Option häufiger, wenn sie als bestehender Zustand vorgestellt wurde. In Daten zur Wahl von Krankenversicherungen und Altersvorsorge an Hochschulen fanden sie dasselbe Muster.

MerksatzWer die Voreinstellung bestimmt, bestimmt oft das Ergebnis.

Wie unterscheidet sich der Status-quo-Bias von ähnlichen Begriffen?

Der Status-quo-Bias betrifft den Vorsprung des bestehenden Zustands. Verwandte Begriffe beschreiben Ursachen oder benachbarte Muster.

BegriffWas er beschreibtVerhältnis zum Status-quo-Bias
Status-quo-BiasDer bestehende Zustand wird bevorzugt, weil er besteht.der Denkfehler, um den es auf dieser Seite geht
VerlustaversionVerluste wiegen gefühlt schwerer als gleich große Gewinne.eine Ursache: Jede Änderung bringt etwas, das man aufgibt
BesitztumseffektWas man besitzt, bewertet man höher als dasselbe Gut, das man nicht besitzt.eng verwandt, bezogen auf Gegenstände
Sunk Cost FallacyBereits investierte Mittel halten an einem Vorhaben fest.blickt auf vergangene Kosten, der Status-quo-Bias auf den Aufwand des Wechsels

Wenn vor allem frühere Investitionen dich halten, lies die Seite Sunk Cost Fallacy. Dort geht es um das, was schon versunken ist.

Wie funktioniert der Umkehrtest?

Der Umkehrtest stellt den bestehenden Zustand auf dieselbe Startlinie wie die Alternativen. Du fragst, ob du den heutigen Zustand wählen würdest, wenn er neu wäre und du ihn erst einführen müsstest. Der Test in dieser Form ist eine Praxishilfe von T1Leaders ohne wissenschaftliche Prüfung.

Für die Kanzlei heißt das: Stelle dir vor, ihr gründet heute neu und müsst eine Software wählen. Würdet ihr die alte nehmen, mit Abstürzen und umständlichem Datenaustausch? Wenn nicht, braucht das Beibehalten eine Begründung.

Ein guter Grund kann sein: Der Umstieg mitten in der Steuersaison ist zu riskant. Dann lautet die Entscheidung: Wechsel nach der Steuersaison, mit festem Termin.

Nick Bostrom und Toby Ord beschrieben 2006 eine verwandte Prüfung für ethische Fragen. Wenn eine Änderung in die eine Richtung schlecht erscheint, frage, ob die Gegenrichtung besser wäre. Erscheinen beide schlecht, muss man begründen, warum gerade der heutige Wert der beste ist.

Organisationale Grenze: der Umkehrtest als Veränderungskeule. In Unternehmen kann der Test missbraucht werden, um funktionierende Abläufe als „nur Gewohnheit“ abzutun. Jede Änderung bringt echte Kosten, Risiken und Lernaufwand. Schutz im Prozess: Beide Seiten legen ihre Rechnung vor, die Kosten des Bisherigen und die Kosten des Wechsels. Ein Wechsel braucht außerdem einen Plan für Übergang und Rückweg.

MerksatzDas Bisherige tritt im Vergleich an wie jede neue Option.

Gegenmittel

So prüfst du das Bisherige fair: vier Schritte

  1. Stelle die Umkehrfrage: Würden wir das heute neu wählen?
  2. Rechne beide Seiten. Schreibe die laufenden Kosten und Risiken des Bisherigen ebenso auf wie die des Wechsels.
  3. Trenne Ob und Wann. Ein guter Grund gegen den Wechsel jetzt ist oft ein Grund für einen späteren Termin.
  4. Setze einen Prüftermin. Wer heute beim Bisherigen bleibt, legt fest, wann die Frage erneut gestellt wird.

Übung

den Umkehrtest anwenden

  1. Dein Team trifft sich seit Jahren jeden Montag um 8 Uhr für 90 Minuten. Viele kommen unvorbereitet, die Hälfte der Punkte betrifft nur zwei Personen. Jemand schlägt vor, das Treffen auf 30 Minuten zu kürzen. Die meisten finden: „Das hat sich bewährt.“ Was tust du?

    1. ADu lässt alles beim Alten, weil die Mehrheit zufrieden ist.
    2. BDu fragst: „Wenn wir heute ein Teamtreffen neu einführen würden, würden wir 90 Minuten am Montagmorgen wählen?“ und testest danach vier Wochen die kürzere Form mit einem Auswertungstermin.
    3. CDu schaffst das Treffen sofort ab.
    Auflösung anzeigen

    Antwort B. Antwort A belohnt die Gewohnheit ohne Prüfung. Antwort C ersetzt den Status-quo-Bias durch einen Bruch ohne Plan. Antwort B stellt das Bisherige auf die Startlinie und macht den Wechsel umkehrbar.

Häufige Fragen

Was ist ein Beispiel für den Status-quo-Bias?

Viele Menschen bleiben jahrelang beim selben Stromtarif, Konto oder Handyvertrag, obwohl sie wissen, dass es günstigere Angebote gibt. Der Wechselaufwand ist klein, aber das Bisherige gewinnt, weil es da ist.

Was ist der Unterschied zwischen Status-quo-Bias und Besitztumseffekt?

Der Besitztumseffekt bezieht sich auf Gegenstände: Was dir gehört, bewertest du höher. Der Status-quo-Bias bezieht sich auf Zustände und Entscheidungen: Was gerade gilt, bevorzugst du. Beide werden oft mit der Verlustaversion erklärt.

Woher stammt der Begriff Status-quo-Bias?

Von William Samuelson und Richard Zeckhauser, die ihn 1988 im Journal of Risk and Uncertainty beschrieben.

Quellen

  1. Samuelson, W. und Zeckhauser, R. (1988). Status quo bias in decision making. Journal of Risk and Uncertainty, 1(1), 7-59. RePEc
  2. Madrian, B. C. und Shea, D. F. (2001). The power of suggestion: Inertia in 401(k) participation and savings behavior. Quarterly Journal of Economics, 116(4), 1149-1187. NBER-Arbeitspapier
  3. Bostrom, N. und Ord, T. (2006). The reversal test: Eliminating status quo bias in applied ethics. Ethics, 116(4), 656-679. PDF
  4. Kahneman, D., Knetsch, J. L. und Thaler, R. H. (1990). Experimental tests of the endowment effect and the Coase theorem. Journal of Political Economy, 98(6), 1325-1348. DOI

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