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Denkfehler · Vertiefung

Unconscious Bias bei Personalentscheidungen

Warum gleich gute Bewerbungen ungleich behandelt werden und welches Verfahren nachweislich fairer auswählt.

Stand · David Rudolph · rund 7 Minuten Lesezeit

Montag, Ingenieurbüro mit 40 Beschäftigten. Für die Projektleitung Brückensanierung liegen 23 Bewerbungen vor. Inhaber Frank und Teamleiterin Petra wollen bis Mittwoch fünf Personen einladen.

Frank sortiert nach Gefühl. Eine Bewerberin mit Lücke im Lebenslauf legt er weg, einen Bewerber aus seiner alten Hochschule nach oben. Petra fragt: „Nach welchen Kriterien sortieren wir?“ Frank sagt: „Das sieht man doch.“ Sieht man es?

Beispiel frei erfunden.

Was zeigen Experimente mit Bewerbungen?

Feldexperimente zeigen, dass gleichwertige Bewerbungen je nach Name unterschiedlich oft zu einer Einladung führen. In solchen Experimenten schicken Forschende fiktive Bewerbungen, die sich nur in einem Merkmal unterscheiden, auf echte Stellenanzeigen.

Marianne Bertrand und Sendhil Mullainathan verschickten 2004 in Boston und Chicago rund 4.900 fiktive Bewerbungen. Bewerbungen mit typisch weißen Namen erhielten zu 9,65 Prozent einen Rückruf, gleichwertige mit typisch afroamerikanischen Namen zu 6,45 Prozent (Bertrand und Mullainathan, 2004).

Zur Einordnung: Die Experimente messen ungleiche Behandlung. Ob dahinter unbewusste Annahmen, bewusste Vorurteile oder Faustregeln stecken, lässt sich daraus nicht trennen. Für die Praxis ist diese Unterscheidung weniger wichtig. Ein gutes Verfahren gibt allen drei Ursachen weniger Raum.

Helfen Unconscious-Bias-Trainings?

Trainings können das Bewusstsein für das Thema schärfen. Dass sie das Verhalten bei der Auswahl verändern, ist schlecht belegt. Ein großer Überblick fand, dass Veränderungen bei impliziten Messwerten nicht zu verändertem Verhalten führten.

Patrick Forscher und Kollegen werteten 2019 in einer Meta-Analyse 492 Studien mit 87.418 Teilnehmenden aus. Verschiedene Verfahren konnten Werte in impliziten Tests verschieben. Diese Verschiebungen übertrugen sich aber nicht auf Verhalten oder bewusste Einstellungen (Forscher et al., 2019).

Ein Bild aus dem Alltag: Wer weiß, dass er beim Einkaufen zu Süßem greift, kauft trotzdem Schokolade, wenn sie an der Kasse liegt. Wirksamer ist ein Einkaufszettel. Bei der Personalauswahl ist der Einkaufszettel das strukturierte Verfahren.

MerksatzWissen über Verzerrung ist ein Anfang. Ändern lässt sie sich vor allem durch den Ablauf.

Strukturiertes Auswahlverfahren

StufeWas du tustWas es verringert
1. Anforderungen festlegenVor der Ausschreibung drei bis fünf beobachtbare Kriterien mit Beispielen für gute und schwache Ausprägung schreibenKriterien, die nachträglich zum Lieblingskandidaten passen
2. Unterlagen sichtenAlle Bewerbungen Kriterium für Kriterium bewerten, Foto und Geburtsdatum möglichst ausblendenHalo-Effekt durch Foto, Name oder Hochschule
3. Gleiche FragenAllen Personen dieselben Fragen in derselben Reihenfolge stellen, mit vorher festgelegten BewertungsankernGespräche, die je nach Sympathie verschieden verlaufen
4. Unabhängig bewertenJede Person im Auswahlteam bewertet allein und schriftlich, bevor diskutiert wirdGruppendruck und Ankereffekt durch die erste Meinung
5. Gemeinsam entscheidenAbweichungen besprechen, Entscheidung mit Begründung je Kriterium dokumentierenBauchentscheidungen ohne nachvollziehbaren Grund
Jede Stufe nimmt einer Verzerrung ein Stück Raum.

Diese Vorlage ist eine Praxishilfe von T1Leaders, angelehnt an die Forschung zu strukturierten Interviews. Sie ist keine Rechtsberatung.

Wie unterscheidet sich Unconscious Bias von ähnlichen Begriffen?

Unconscious Bias betrifft Urteile über Menschen aufgrund von Gruppenmerkmalen. Verwandte Begriffe beschreiben bewusste Haltungen, einzelne Eindrücke oder zufällige Streuung.

BegriffWas er beschreibtVerhältnis zu Unconscious Bias
Unconscious BiasUnbeabsichtigte Verzerrung im Urteil über Personen aufgrund von Gruppenmerkmalen.der Begriff, um den es auf dieser Seite geht
VorurteilEine vorgefasste, meist bewusste negative Haltung gegenüber Gruppen.kann dieselbe ungleiche Behandlung erzeugen, ist aber bewusst
Halo-EffektEin auffälliges Merkmal färbt das Urteil über andere Merkmale.wirkt über einzelne Eigenschaften wie Auftreten, unabhängig von Gruppen
NoiseZufällige Streuung zwischen Urteilen verschiedener Personen.ohne feste Richtung. Ein strukturiertes Verfahren verringert beides

Wie ein einzelner Eindruck alle anderen Urteile mitzieht, zeigt der Halo-Effekt.

Was bringt ein strukturiertes Interview?

Ein strukturiertes Interview sagt die spätere Leistung besser vorher als ein freies Gespräch nach Gefühl. In einer Neuberechnung der Forschung lag es unter den Auswahlverfahren vorn.

Paul Sackett und Kollegen korrigierten 2022 frühere Schätzungen zur Vorhersagekraft von Auswahlverfahren. Strukturierte Interviews erreichten mit einer mittleren Validität von 0,42 den höchsten Wert, vor Wissenstests mit 0,40 und Arbeitsproben mit 0,33 (Sackett et al., 2022).

Bei Frank und Petra heißt das: zuerst drei Kriterien festlegen, etwa Erfahrung mit Bauprojekten im Bestand, Führung kleiner Teams, Abstimmung mit Behörden. Dann alle 23 Bewerbungen danach sichten. Die Lücke im Lebenslauf ist kein Kriterium, solange sie für die Aufgabe nichts aussagt.

Organisationale Grenze: das Verfahren als Feigenblatt. In manchen Unternehmen wird ein strukturiertes Verfahren eingeführt, die Entscheidung fällt aber weiter im Flur. Die Bewertungsbögen werden danach passend ausgefüllt. Schutz im Prozess: Bewertungen werden vor der gemeinsamen Diskussion abgegeben und unverändert archiviert. Eine Person, die nicht im Auswahlteam sitzt, prüft stichprobenartig, ob die Entscheidung zu den Bewertungen passt.

MerksatzGleiche Fragen, feste Anker, Bewertung vor der Diskussion: Diese drei Elemente sind gut belegt.

Gegenmittel

So machst du deine Auswahl fairer: vier Schritte

  1. Kriterien vor den Bewerbungen. Lege fest, was zählt, bevor du die erste Mappe öffnest.
  2. Quer bewerten. Bewerte alle Unterlagen erst nach Kriterium eins, dann alle nach Kriterium zwei.
  3. Gleiche Fragen mit Ankern. Schreibe zu jeder Frage auf, wie eine schwache, mittlere und starke Antwort klingt.
  4. Erst schreiben, dann reden. Jede Person im Auswahlteam bewertet allein, bevor diskutiert wird. Mehr zur Entscheidung im Team unter Personalentscheidungen.

Testfragen

Testfragen

Drei kurze Fragen zur Selbstprüfung. Es gibt keinen Gesamtwert. Jede Frage zeigt einen Ansatz.

  1. Ich habe die Kriterien erst festgelegt, nachdem ich die Bewerbungen gesehen hatte.

    Antwort

    Ansatz: Kriterien beim nächsten Mal vor der Ausschreibung schriftlich festhalten.

  2. Ich stelle in Gesprächen je nach Person andere Fragen.

    Antwort

    Ansatz: einen festen Fragenkatalog mit Bewertungsankern nutzen.

  3. Im Auswahlteam spricht die ranghöchste Person zuerst.

    Antwort

    Ansatz: Bewertungen schriftlich sammeln, bevor jemand spricht.

Reflexionswerkzeug ohne wissenschaftliche Validierung. Deine Antworten werden nicht gespeichert.

Situationsfrage

  1. Dein Auswahlteam diskutiert zwei Finalisten. Ein Kollege sagt über die ältere Bewerberin: „Sie ist sicher gut, aber ob sie mit unserem Tempo mitkommt?“ Was antwortest du?

    1. A„Das ist ein berechtigter Punkt, nehmen wir lieber den Jüngeren.“
    2. B„Lass uns auf unsere Bewertung beim Kriterium Arbeitstempo schauen. Was hat sie in der Arbeitsprobe gezeigt?“
    3. C„Das darfst du so nicht sagen.“
    Auflösung anzeigen

    Antwort B. Antwort A übernimmt eine Annahme über das Alter ohne Prüfung. Antwort C benennt das Problem, bringt die Entscheidung aber nicht zurück zu den Kriterien. Antwort B lenkt auf den Beleg, der zur Frage gehört.

Häufige Fragen

Was ist Unconscious Bias auf Deutsch?

Unconscious Bias heißt unbewusste Voreingenommenheit oder unbewusste Denkmuster. Gemeint sind Verzerrungen im Urteil über Menschen, die ohne Absicht entstehen.

Sind anonyme Bewerbungen eine Lösung?

Anonymisierte Unterlagen können die erste Sichtung fairer machen, weil Name, Foto und Alter fehlen. Spätestens im Gespräch sind diese Merkmale sichtbar. Deshalb braucht es auch dort feste Fragen und Bewertungsanker.

Gibt es rechtliche Vorgaben?

In Deutschland verbietet das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) Benachteiligungen unter anderem wegen Herkunft, Geschlecht und Alter, auch bei der Auswahl. Diese Seite ersetzt keine Rechtsberatung. Bei konkreten Fragen hilft eine Fachanwältin oder ein Fachanwalt für Arbeitsrecht.

Quellen

  1. Bertrand, M. und Mullainathan, S. (2004). Are Emily and Greg more employable than Lakisha and Jamal? A field experiment on labor market discrimination. American Economic Review, 94(4), 991-1013. PDF
  2. Kaas, L. und Manger, C. (2012). Ethnic discrimination in Germany's labour market: A field experiment. German Economic Review, 13(1), 1-20. IZA
  3. Forscher, P. S. et al. (2019). A meta-analysis of procedures to change implicit measures. Journal of Personality and Social Psychology, 117(3), 522-559. Abstract
  4. Sackett, P. R., Zhang, C., Berry, C. M. und Lievens, F. (2022). Revisiting meta-analytic estimates of validity in personnel selection: Addressing systematic overcorrection for restriction of range. Journal of Applied Psychology, 107(11), 2040-2068. Überblick HumRRO

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